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18.05.2015

Berliner Morgenpost: Seichter Seitensprung auf Ascheflocken

Am Ende reicht "Bella Figura" von Yasmina Reza für ein paar bittere Pointen dreier großartiger Frauen

Was wäre die französische Komödie ohne Seitensprung? Vermutlich ähnlich dröge wie die deutsche. Wer sich umschaut in den Berliner Boulevardtheatern, der weiß, wie viele Pointen und Volten aus der Grundverunsicherung geschlagen werden, dass die Institution Ehe fragil ist.

Nun hat sich Yasmina Reza des Themas angenommen, abendfüllend: Die Hauptrollen von "Bella Figura" hat sie für die Uraufführung an der Schaubühne Nina Hoss und Mark Waschke auf den Leib geschrieben. Andrea und Boris haben seit vier Jahren eine Affäre, und ausgerechnet an diesem Abend, als Andrea auf Frustkrawall gebürstet ist, treffen sie vor einem Restaurant eine gute Freundin von Boris' Frau: Françoise will gerade mit Partner Eric den Geburtstag von dessen Mutter Yvonne feiern.

Eine Konstellation, die reichlich Gelegenheit bietet für Rezas gefeierte Dialoge, diesem Eiertanz auf der bürgerlichen Höflichkeitsoberfläche. Schnell wird sie brüchig, weil Andrea es darauf anlegt, alle wissen zu lassen, was hier gespielt wird – und Françoise keine Anstalten macht, die Augen zu verschließen. Diese Momente funkeln, schließlich hat Thomas Ostermeier ein All-Star-Ensemble zusammengetrommelt. Hoss' Andrea, alleinerziehend und mit der ewigen Hoffnung, dass aus ihrer Affäre doch noch mehr werden könnte als nur ein gelegentlich geteiltes Bett, bleibt bis zum Ende uneindeutig, weil nie klar wird, was Intuition und was Berechnung ist. Mit weiten Gesten spannt sie bittersüße Ironie über einen Verzweiflungsabgrund, zeichnet Schönheitslinien in die Luft, glüht Leidenschaft wie Bitterkeit.

Überhaupt ist dieser Abend einer der Frauen. Stephanie Eidt etwa, nicht minder elegant, bleibt als Françoise lange zurückhaltend, beobachtet genau und zunehmend genervt, ein Muster an Selbstbeherrschung, deren Überlegenheit erst bröckelt, als sie begreift, wie dünn der Zivilisationsfirnis bei allen von ihnen ist. Herrlich, wie Lore Stefanek als elegante (Schwieger-)Mutter versucht, so herrisch wie sympathisch und bürgerlich die Zügel in der Hand zu behalten und nur das zu sehen, was sie sehen will. Berührend ist das, weil man erst spät begreift, dass sie nurmehr Rudimente ihres einstigen Lebens wiederholt, während ihr Bewusstsein längst mehr Sprünge aufweist, als sich durch Haltung kompensieren lässt. Sie versucht ebenso "bella figura" zu machen wie alle anderen – vergeblich. Ostermeier setzt das auf eine spiegelglatte Bühnenfläche, auf der nur Ascheflocken Halt geben. Darauf wechseln sich die elegant designten Stationen eines zunehmend delirierenden Abends ab. Symptomatisch, dass hier alle zu viel Alkohol und Tabletten nehmen, als wäre das bürgerliche Leben nicht anders zu ertragen. Dazwischen flattern und rascheln in Videoeinspielungen Insekten, einmal liegen im Aquarium Hummer herum – allesamt klassische Vergänglichkeitssymbole.

Vergänglich ist allerdings auch dieser Abend. Zum einen, weil die Männer nicht richtig zünden: Renato Schuchs Weichei Eric bleibt blass, Mark Waschkes Boris kommt nicht so richtig über die zwei Körperhaltungen männlich-markant und waidwund-verzweifelt hinaus. Zum anderen ist dieses neue Reza-Stück zu dünn geraten beim Versuch, auf die seit Jahrtausenden diskutierte Frage, wie man sein Leben richtig lebt, eine Haltung zu finden. Am Ende reicht es für ein paar bittere Pointen dreier großartiger Frauen. Aber das ist zu wenig, um den Erfolg von "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" zu beerben.


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