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19.11.2010

nachtkritik.de: Die Stehlampe Mitgefühl

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes – Martin Kušejs deutsche Erstaufführung des Stücks von Roland Schimmelpfennig.

Berlin, 19. November 2010. Eine Katastrophe, dieser Abend – behauptet der erste Satz: Zwei Paare treffen sich zum Essen und stolpern in die Abgründe, die sich nach sechs Jahren Trennung und verschiedenen Lebenswegen auftun. Die einen retteten in Afrika Menschen, die anderen machten in Deutschland Karriere. Beide sind schuldig, auf ihre Weise.

Damit der Einstünder von den vier Personen, die nach einer moralischen Entschuldigung suchen und keine finden, nicht gar zu sehr nach den Erfolgspsychobohrungen à la "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und "Der Gott des Gemetzels" riecht (beide grüßen dennoch vernehmlich), hat Roland Schimmelpfennig in seinem neuesten Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" die klassische Dramaturgie – erst wird geplaudert, dann geht's ans Eingemachte – durch Wiederholungen und Einschübe der aus dem Rahmen fallenden Protagonisten aufgebrochen.

Erbarmungsloses Vergrößerungsglas
Das dicke Ende, in dem uns die vier unsere verlogene Gutmenschigkeit und unseren dummdreisten Egoismus so richtig vorführen, kommt natürlich trotzdem erst am Schluss – als moralische Keule, gerade weil es ein klares Urteil verweigert. Die Uraufführung fand im Sommer im Volcano Theatre Toronto statt, in dessen Auftrag das Stück auch entstand. Und zwar als einer von drei kurzen Texten zum Thema Afrika.

Bei Martin Kušejs Erstaufführungs-Stehempfang am Deutschen Theater ist die Katastrophe von Anfang an schon dagewesen: Plötzlich sind die vier Mittelschichtsmenschen da, kühl ausgeleuchtet im kahlen Kasten, der an die vielen großartigen Schimmelpfennig-Exkursionen des Jürgen Gosch erinnert. Wo aber Gosch noch in den flacheren Vorlagen die Menschheitsgeschichte entdeckte, auch das große Gefühl, und beides vorsichtig herausschnitt, zwingt Kušej das Stückchen, das ein veritables Drama sein will über Tod und keine Liebe, von Anfang an unter ein erbarmungsloses Vergrößerungsglas.

Dass Liz und Frank, Carol und Martin lügen, wenn sie nicht gerade stehen und schweigen, sieht man sofort: an ihren viel zu lauten Gesten, dem aufgesetzten Lachen, der Betonung. Eine gute Stunde lang: verkrampfte Wesen, die neben sich stehen, beziehungslos. Maren Eggert und Sophie von Kessel knipsen Liebenswürdigkeit und Hysterie an und aus wie eine Stehlampe, Ulrich Matthes grinst sein Joker-Lächeln auf Abruf bis in die letzte Reihe des zweiten Rangs und Norman Hacker verkneift Gesicht und Gefühle, bis er im Monolog wild das Gewissen der Weltöffentlichkeit agitieren darf.

Die Dialogmaschen fallen
Sie alle können das, dieses ständige Rein und Raus in Stimmungen, Gesten und Blicke, dieses verlorene Panthern entlang der imaginären Gitterstäbe ihres Bühnenknasts, das tierische Sich-Krümmen, bereit zu Schlag und Gegenschlag. Alle Schauspielertricks, auch die ganz raffinierten der Maren Eggert (sie allein schmuggelt hin und wieder so etwas wie Menschlichkeit ins Spiel, als melancholisch Wissende), gehen ins Leere: Kušej lässt – wohl aus Angst vor den Reza'schen Pointen, und auch so wird noch ordentlich gekichert im Parkett – die Dialogmaschen fallen, dehnt Pausen ins Unerträgliche, schlägt uns nicht nur mit Moral, sondern auch mit Langeweile ins Gesicht.

Dass der Westen heillos überfordert mit Afrika und kein Engagement auch keine Lösung ist, stimmt ebenso wie der Befund, dass jeder vor seiner eigenen Tür kehren sollte. Wenn sich aber plötzlich hinter dem offenen Lichtkasten ein Müllregen zum Haufen türmt, auf dem die vier versuchsweise zum Weltverbesserer-Song "We are the world" herumstaksen, dann ist das weniger Selbstzitat (in Kušejs Münchner Woyzeck waren die Mülltüten allerdings noch geschlossen) als die ziemlich platte Umsetzung einer Binse.

Ob in Schimmelpfennigs Puppenmassaker (Peggy Pickit ist das blonde Spielzeug von Liz' und Franks Tochter, dem Liz einen Dialog mit dem ebenhölzernen Afrika-Mitbringsel von Carol und Martin andichtet) mehr steckt als Routine, dramaturgische Inversion und Zeigefinger, werden Wilfried Minks am Thalia Hamburg und Schimmelpfennig höchstselbst an der Wiener Burg klären. Am Deutschen Theater hat's nicht mal zu einer Katastrophe gereicht.


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