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18.05.2015

nachtkritik.de: Männer in der Wagenburg - und eine Frau

Theatertreffen 2015 – Schlussdiskussion mit der Theatertreffen-Jury und Tweetsammlung

Nun ist es vorbei, das 52. Theatertreffen. Im Rückblick erscheint mir dessen Auswahl ziemlich okay: Ein bisschen Experiment (Atlas der abgelegenen InselnWarum läuft Herr R. Amok), ein bisschen Schauspieler-Glamour (John Gabriel Borkmandie unverheiratete), etliche tolle Gesamtkonzepte (Common GroundDie lächerliche FinsternisDas Fest) und ein bisschen Vergangenheit (BaalWarten auf Godot), vor allem aber aktuelle politische Debatten (Die Schutzbefohlenen), das Ganze mit drei Frauen und fünf Newcomern, mit Neuer Dramatik, politischem Theater – das wirkt wie eine Mischung, die die deutschsprachigen Stadttheatertrends in der 1. und 2. Liga einigermaßen gut abbildet. Klar, aus vielen Häusern, wo sich gerade was tut, ästhetisch oder strukturell oder bei beidem, war nichts dabei, Darmstadt oder Dortmund zum Beispiel. Aber wenn einige Juroren darauf bestehen, dass das Theatertreffen ein Elitefestival sein will – bitte.

Allerdings könnte man nach der abschließenden Jurydebatte doch noch mal hinterfragen, ob sich das Auswahlverfahren nicht optimieren ließe. Sagen wir so: Hätte die Jury vor zwei Jahren Thom Luz' Archiv des Unvollständigen in Oldenburg gesehen, wäre er schon beim Theatertreffen im vergangenen Jahr mit einer Arbeit zu sehen gewesen, die noch überzeugender war als sein "Atlas der abgelegenen Inseln" in diesem Jahr. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Aber, natürlich, dazu müsste zunächst mindestens ein Juror und gegebenenfalls später mindestens ein Großteil der Kampfrichtertruppe nach Oldenburg reisen. Man denke: Oldenburg! Und nicht bei stets herrschender Terminnot dann doch lieber nach Wien, München, Hamburg, wo an den größeren, also wohlhabenderen Häusern bekanntlich die besseren Schauspieler*innen arbeiten. Was ja ein Naturgesetz und Oldenburg deshalb grundsätzlich vernachlässigbar ist. Musste man jedenfalls annehmen, wenn man so der Verteidigung einiger Juroren lauschte.

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