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16.06.2015

Filmfest München: The King

Charmeur, bester Freund, Dandy: Rupert Everett erhält den Cinemerit Award

Unter den Paaren, die die Romantic Comedy der 1990er Jahre hervorgebracht hat, gehören Julianne und George in DIE HOCHZEIT MEINES BESTEN FREUNDES (1997) zu den bemerkenswertesten. Schließlich liebt Julianne einen anderen. Und George ist schwul. Dennoch gehört ihnen der finale Tanz – und die Sympathie des Publikums. Während Julia Roberts als Julianne erstaunlich egoistische Züge zeigen darf, vereint Rupert Everett in seinem Hollywood-Durchbruch alles, was ein Leading Man so braucht: Attraktivität, Charme, Witz – und das perfekte Timing. Mit George entwarf Everett eine hinreißende Alternative zu den komischen oder tragischen Rollen, die bis dahin für schwule Charaktere in Hollywood reserviert waren – und spielte den eigentlichen männlichen Helden hemmungslos an die Wand.

Etwa in der längst fest ins Gedächtnis Hollywoods eingegangenen Szene im Seafood-Restaurant. Julia Roberts Julianne hatte es zuvor vermasselt, ihren „besten Freund“ Michel kurz vor dessen Hochzeit ihre Liebe zu gestehen. Jetzt will sie ihn eifersüchtig machen – mit ihrem schwulen Freund George. Während die Hochzeits-Vorbereitungsgesellschaft zusammensitzt, wird George gefragt, wo er und Julianne sich kennengelernt haben. Aus dem Stehgreif entwickelt er eine überdrehte Geschichte, in der die Sängerin Dionne Warwick eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Plötzlich weiß er nicht mehr weiter – und beginnt, Warwicks romantischen Hit „I Say a Little Prayer“ zu singen. Erst stimmen die anderen am Tisch mit ein, dann das ganze Restaurant.

Ein typischer Hollywood-Musical-Moment, der die Künstlichkeit der Situation auf die Spitze treibt. Einerseits bleibt es bei der Tatsache, dass da der schwule Traummann glänzt und glitzert, dass er in seiner Begeisterungsfähigkeit und in den Zutaten seiner heterosexuellen Münchhausiade seine Flamboyanz nicht verleugnen kann und mehr mit allen anderen als mit seiner angeblichen Verlobten flirtet. Andererseits wird durch die typisierten Zutaten – die gefühlvolle Musik, Everetts umwerfende Ausstrahlung, die vielen Paarungen – zuverlässig Romantik hergestellt. Selbst Julianne und Michael sind sich plötzlich ganz nah – als die einzigen, die dieser Show nichts abgewinnen können.

Vor DIE HOCHZEIT MEINES BESTEN FREUNDES war Everett ein bildschöner, hoffnungsvoller britischer Schauspieler mit Karriereknick, danach ein Star. Womit Everett allerdings auch sein Label weg hatte, das des charmanten, kultivierten, geistreichen Homos. Dahinter gab es kein zurück – und in Hollywood vor allem kein Zurück mehr zu eindeutig heterosexuellen Rollen. Auf Hollywoods paradoxe Homophobie wies er immer wieder mit Nachdruck hin, nach der Heteros, die Schwule spielen, preiswürdig sind, aber offen schwule Schauspieler nie Hetero-Rollen von Rang bekommen. Es wundert nicht, dass er danach schnell wieder beim britischen Kino landete.

Bereits seine Leinwandkarriere begann mit einem schwulen Charakter: Guy in  ANOTHER COUNTRY (1984) wird deshalb zum Spion und Landesverräter, weil ihn das System als schwulen Mann ablehnte, wie er im Elite-Internat lernen muss. Schon hier etabliert Everett seine berühmte Mischung aus Arroganz, Geist und Charme – eine Überlegenheit, die seinem Guy zum Verhängnis wird, aber auch das Herz von James gewinnt. Die Szene, in der Guy und James sich heimlich in einem eleganten Restaurant treffen, mit leuchtenden Augen vom Essen reden und dabei vor Euphorie darüber glühen, dass die Möglichkeit besteht, da den besonderen Anderen gefunden zu haben, gehört zu den schönsten Momenten des Queer Cinemas.

Everett war biografisch gleich mehrfach für die Rolle gewappnet. Nicht nur, weil er wusste, was es heißt, Männer zu lieben. Sondern weil er selbst der englischen Elite entstammt, aus einer Familie aus angesehen Militärs. Er selbst brach die Schule mit 16 ab. Mit seiner Größe von 1,93 Metern, seinem Upperclass-Akzent und seinen Manieren (wenn er denn wollte) war er dennoch wie geschaffen für all die Lords und Könige, die er spielen sollte. Schließlich stammt er in direkter Linie von Charles I. ab, den er in TO KILL A KING (2003) porträtierte und von Charles II., den er in STAGE BEAUTY (2004) verkörperte. Vor allem aber war er bis in seine späten 40er Jahre das, was die Briten als „utterly handsome“ bezeichnen – ein Mann von engelsgleicher, präraffaelitischer Schönheit.

Diese Eigenschaft setzt Paul Schrader in DER TROST VON FREMDEN (1990) in Szene, ein Film, der mit dem Thema des männlichen Objekts spielt. Offensichtlich ist es seine makellose Schönheit, die Christopher Walkens (der schon damals den berühmten Psycho-Blick besaß) Charakter dazu bewegt, Colin zu verfolgen, ihn zu demütigen und schließlich zu töten. Schrader lässt sich keine Möglichkeit entgehen, Everetts Körper halb oder vollkommen nackt zu inszenieren, eine lebende Statue, ein Modell mit Hirn. Denn auch hier wieder darf Everett geistreich sein, viel klüger als seine Gefährtin – und doch nicht die sich zuziehende Schlinge erkennen.

Everett definierte sich stets beeindruckend selbstverständlich als schwuler Mann, dessen Männerliste sich beeindruckend liest, der aber schon aus Neugier Affären mit Frauen wie Paula Yates und Susan Sarandon begann, wie man in seiner äußerst amüsanten, selbstironischen und indiskreten, allerdings auch nicht ganz zuverlässigen Autobiografie „Red Carpets and Other Banana Skins“ (Rote Teppiche und andere Bananenschalen, in Deutschland 2009 erschienen) erfährt. Hier erzählt er auch von seinem einstigen Nebenjob als Escort und seine Modellkarriere.

Zoomt man von seinen Filmen weg, ergibt sich ohnehin ein etwas anderes Bild: Denn dann entdeckt man einen mehrfach talentierten, vielseitig interessierten, äußerst neugierigen Mann, einen Schauspieler, der auch auf der Bühne zu Hause ist, dessen Parallelkarriere als Sänger zwar nach einem Album (und dem grandiosen Flop HEARTS OF FIRE 1984 an der Seite von Bob Dylan) endete, der aber später mit Madonna und Robbie Williams beachtliche Duette sang, der neben zwei Autobiografien zwei Romane und zahlreiche Artikel veröffentlichte, der Drehbücher schreibt, sich für schwule Rechte engagiert und sich immer neue Themen sucht, denen er über Jahre folgt.

Vom irischen Dichter und Dramatiker Oscar Wilde ist er dabei besonders fasziniert. Schon seine Mutter soll ihm als Kind dessen Märchen „Der glückliche Prinz“ vorgelesen haben. Später spielte er in mehren Wilde-Verfilmungen mit: in EIN PERFEKTER EHEMANN (1999) an der Seite von Minnie Driver, Cate Blanchett und Julianne Moore, dann in ERNST SEIN IST ALLES  (2002). Hier traf er Colin Firth wieder, der in ANOTHER COUNTRY der skeptische Kommunist Tommy war und nun Jack verkörpert, der seinen besten Freund Algernon wider willen in die Arme seines Mündel Cecely (Reese Witherspoon) treibt. Eine Salonkomödie voller Paradoxien, mit der Regisseur Oliver Parker ein für das Komödientempo problematisches, aber optisch beeindruckendes Spiel treibt: Cecely träumt sich in ihr illustriertes Märchenreich, wo sich plötzlich auch Algernon in Ritterrüstung wiederfindet. Auch hier greift ein Regisseur Everetts präraffaelitische Optik auf und stimmt ein ganzes Setting darauf ab.

An Wilde erinnern viele von Everetts Texte und Bonmots voll bissiger Pointen, die von der Boulevardpresse dankbar aufgegriffen werden. „Schwule und Frauen haben eine wesentliche Sache gemeinsam: Ab 42 werden beide unsichtbar“, hat Everett in einem Interview gesagt. Zwischenzeitlich schien er recht zu behalten: Die Rollen wurden kleiner; in Hollywood war er nur noch als Stimme in zwei SHREK-Filmen (2004/2007) und einem Teil der NARNIA-Saga (2005) präsent. Aber jetzt, mit 55, wo der Glanz seiner früheren Schönheit einer seriösen Stattlichkeit gewichen ist, scheint er doch noch einmal durchzustarten. In Großbritannien ist gerade A ROYAL NIGHT OUT (2015) angelaufen, in dem er mit George VI. mal wieder einen König spielt, den Vater von Elisabeth II., den Colin Firth erst vor wenigen Jahren in THE KING’S SPEECH porträtierte. Außerdem bereitet er einen Film über den Prozess gegen Oscar Wilde vor, der damals wegen seiner Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Regisseur, Drehbuchautor, Hauptrolle: Rupert Everett. Titel: THE HAPPY PRINCE. Auch der FilmFernsehFonds Bayern ist beteiligt. Es scheint, als werde sich Rupert Everett nicht so schnell in die Unsichtbarkeit verabschieden.


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