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26.09.2015

Berliner Morgenpost: Karriere, Partnerschaft, Selbstverwirklichung - Alles futsch

So böse und so wahr, so witzig und so grandios: In Sibylle Bergs „Und dann kam Mirna“ im Gorki- Theater zieht die Mutter Bilanz.

Als schleuderte und risse sie das Schicksal selbst, so taumeln sie über die Bühne: Vier Frauen am Rande des Weltbildzusammenbruchs, ein gespaltenes Ich, das sich kollektiv seiner Selbst vergewissert. Immer wieder überlappen sich ihre chorischen Sätze, ergeben sich Unschärfen. Wie auch in ihren nicht ganz synchronen Bewegungen zwischen Tai Chi und Hilferuf. Was gut zu ihnen passt und ihrer wütenden Bilanz: Irgendwas ist entschieden schiefgelaufen in ihrem Leben.

Das erinnert doch an was! Und zwar an Sibylle Bergs „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, in Sebastian Nüblings Uraufführung einer der Hits in der ersten Gorki-Theater-Spielzeit unter Shermin Langhoff und Jens Hillje. 2014 wurde es von den Kritikern der Fachzeitschrift Theater heute zum Stück des Jahres gewählt. Jetzt gibt’s die Fortsetzung: „Und dann kam Mirna“. Aus der jungen wütenden Frau, die witzig-böse mit allem und allen abrechnete, vor allem mit Rollenmodellen und Glücksversprechen, ist jetzt eine Mutter geworden. Karriereplanung? Partnerschaft? Selbstverwirklichung? Alles futsch. Was bleibt, ist die Fehleranalyse. Ausgerechnet am Umzugstag, kurz bevor die Möbelpacker anrücken, um die Erzählerin nebst Tochter Mirna aus dem gentrifizierten (und damit zu teuren) Szenekiez aufs Land zu befördern.

Auch bei dieser Uraufführung hat Dramaturgin Katja Hagedorn zusammen mit Regisseur Sebastian Nübling Sibylle Bergs wie immer etwas ausufernde und abschweifende Suada in klare Bahnen gelenkt. In ihren Choreografien knüpft Tabea Martin an die kraftmeiernden Stampforgien aus Teil Eins an, treibt sie aber jetzt ins verzweifelt Ungefähre. Ursula Leuenberger steckt die vier Schauspielerinnen diesmal nicht in Pünktchen-, sondern unförmige Blümchenkleider– die Schlabberpullis aus Teil Eins müssen spätestens weichen, als die Erzählerin ihre Mutterrolle akzeptiert. Auf der leeren Bühne vorm Eisernen steht zudem fast dieselbe Besetzung. Neben Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas ist nur Çiğdem Teke neu (frisch von den Münchner Kammerspielen gewechselt) – und setzt mit aufgerissenen Augen und besonders lakonisch hingekauten Pointen herrliche Akzente.

Alles wie immer also? Überhaupt nicht – denn dann kommt Mirna. Als Mädchen in Pink, das einen Stapel Bücher an die Rampe trägt und triumphal runterknallen lässt, geistert es als Störung durchs Bild – ebenfalls in vierfacher Ausführung. Gemeinsam räumen sie die halbe Wohnung leer, weil Mutter ja nicht in der Lage ist anzupacken, sondern sich lieber in verzweifelter Selbstanalyse übt. Dann spricht Mirna: Beißend altklug kommentieren Aydanur Gürkan, Fée Mühlemann, Zoé Rügen und Annika Weitzendorf mal chorisch, mal einzeln ihre Vierfach-Mutter – in erstaunlicher Spiellust, das sind ja echte Kinder zwischen Acht und Zwölf! Sie grenzen sich von ihren erbarmungswürdigen Erzeugern ab, verteidigen ihre pinken Klamotten als „Outfit des Widerstands gegen unsere unglaublich genderneutralen, unisexuellen Eltern“ und sehnen sich nach Religiosität, um am Ende dann doch wieder Bücher über Biochemie zu wälzen.

Denn auch sie wollen natürlich nicht werden wie ihre Mütter. Was sie mit ihren Müttern gemeinsam haben. Ein Teufelskreis. Noch aber stampfen sie trotzig, selbstbewusst, genervt über die Bühne, tanzen, kippen immer mehr Hausrat von der Rampe – eine muss ja mal Ordnung ins verkorkste Erwachsenen-Leben bringen.

Das ist alles so böse und so wahr, so zerchfellerschütternd witzig und zugleich so furios traurig, dass man diese 80 Minuten als heißkaltes Wechselbad durchlebt. Unter der Oberfläche aus Pointen, die Nübling mit seinem Gespür für Timing und Wortwitz herausschält, aber pulsieren die Sehnsucht und der Schmerz. Denn Sätze wie „Reproduktion sind die perfekte Frauenentsorgungsmaßnahme“ sind so komisch wie erschütternd. Damit gelingt dem Team um Berg und Nübling, was Hollywood selten schafft: mit einer Fortsetzung das Original noch zu übertreffen.


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