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25.09.2015

Berliner Morgenpost: Vom Ende der Kindheit

Sechs Autoren, sechs Regisseure, ein Thema im Theater an der Parkaue: "Als ich meinen Eltern meinen neuen Freund... Vom Ende der Kindheit"

Mutter, Vater, Kind – das ist ein Gleichgewicht, das durcheinandergerät, wenn das Kind einen neuen Partner mitbringt. Ein klassischer Konfliktstoff, auch heute noch, wie Nis-Momme Stockmann in "In Transit" zeigt: Da vergleicht er das erste Kennenlernen von Eltern und möglichem Schwiegersohn 1964, 1989 und 2014. Immer schneller wechseln die Schauspieler zwischen den Zeitebenen, um zu demonstrieren, dass früher die Verhältnisse hierarchischer waren – und klarer. Wo einst der Patriarch mit der Faust auf den Tisch haute, drehen sich die Erwachsenen von heute nur noch um sich selbst.

Ach, diese Toleranz!, scheinen alle sechs Autoren zu stöhnen, die für das Projekt "Als ich meinen Eltern meinen neuen Freund... Vom Ende der Kindheit" des Theaters an der Parkaue (zusammen mit dem Theater Chemnitz) je ein Kurzdrama beigesteuert haben. Sie alle arbeiten sich daran ab, dass das autoritäre Feindbild von einst mittlerweile einem freundlichen Desinteresse gewichen zu sein scheint.

Mit der Berlin-Premiere des ausufernden Projekts macht das Theater an der Parkaue einen entschiedenen Schritt Richtung Stadtmitte – umbaubedingt verlegt es seine Hauptbühne in den Prater, wo bislang die Volksbühne spielte. Auf dem Foyer-Boden sind immer noch die Bemalungen vom "12-Spartenhaus" des Regieberserkers Vegard Vinge zu sehen. Ganz so wild wird es jetzt, wo der Prater wieder eine Zuschauertribüne und eine Art offenen Guckkasten besitzt (und damit durchaus der großen Parkauen-Bühne ähnelt), bestimmt nicht. Hier hat Pia Wessels für alle sechs Inszenierungen ein offenes Zimmergerüst hingestellt mit Projektionsfläche und zentraler Tür, in dem vor allem die Sitzgelegenheiten wechseln.

Für ein jugendliches Publikum ab 15 Jahren mögen die guten dreieinhalb Stunden mit seinen zwei Pausen lang wirken – unterhaltsam sind sie allemal. Die meisten Autoren drücken auf die Witz-Tube – und die sechs Regisseure drücken kräftig nach. Manchmal auch zu kräftig wie Hausherr Kay Wuschek, der Lutz Hübners "Einfach nur Hallo" zu Beginn in die Farce treibt, mit Gruppenverrenkungen auf der Couch. Im Stück machen sich die Eltern, der Sohn und seine Freundin gegenseitig fertig mit Befürchtungen und Erwartungen. Das bleibt weit hinter dem, was Hübner sonst vermag.

Aber dann kommt Carsten Knödler und kitzelt aus Thilo Refferts "Die letzte Videothek" mit Puppen, Martin Valdeig als Film-Nerd und treffenden Hollywood-Anspielungen herrliche Pointen. In Oliver Bukowskis "Taliban", wo eine Tochter die Toleranz ihrer Eltern mit einem Muslim-Freund auf die Probe stellen will, reagiert dann wieder der Eindeutigkeits-Hammer, während Silke Johanna Fischer für Nis-Momme Stockmanns "In Transit" ordentlich am Typenkabarett gefeilt hat, um die drei Zeitebenen im fliegenden Wechsel voneinander abzugrenzen.

Etwas gewagt haben nur zwei Autoren: Gesine Danckwart schuf wilde Textflächen, die aber ein bisschen mehr szenische Konkretisierung vertragen würden als Kalma Streuns abstrakte, chorische Sprechübung mit Stühlerücken. Bonn Park wiederum hätte es verdient, dass sein "Toleranzig" abendfüllend inszeniert wird. Hier brodelt in mehreren, nicht zwangsläufig aufeinander bezogenen Teilen eine Wut, mit der man sich auseinandersetzen will. Parkaue-Oberspielleiterin Katrin Hentschel hat die drei Monologe als fein knackende Wortpartituren mit Jonas Lauenstein, Birgit Berthold und Denis Pöpping in den Abend gestreut, böse funkelnde Meisterwerke, die schließlich in eine Tschechow-Parodie münden, die das Thema angenehm auf die Schippe nimmt. Durchhalten lohnt sich!


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