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07.08.2015

nachtkritik.de: "Wen freu ick?" "Mir!"

Gutes Wedding Schlechtes Wedding, Folge 100: Wedding-Story – Das Berliner Prime Time Theater feiert den wahren Kiez, wie er niemals sein wird

Es steht schlecht um Ahmeds Dönerladen "Chez Ölgür", mal wieder an diesem Abend: Zuerst ist er abgebrannt, dann versucht der Prenzlschwabe Üwele, sich das Objekt unter den Nagel zu reißen, um eine Männerstilloase aufzubauen – die zuständige Beamtin hat er mit seinem Bausparvertrag bestochen. Ahmeds Lebensabschnittsgefährtin, die sächselnde Arbeitsamtschefin Heidemarie Schinkel, aber weiß: "Wenn ich eines gelernt habe in 99 Folgen: Ein Stück dauert 90 Minuten, und am Ende wird alles gut."

Worauf man sich verlassen kann. Auch die 100. Folge von "Gutes Wedding Schlechtes Wedding" (GWSW) mit dem vermutlich an Leonard Bernstein angelehnten Titel "Wedding Story" hat ein Happy End. Neue Episoden gibt's hier, am Berliner Prime Time Theater, im Fünf-Wochen-Takt, da machen Cliffhanger keinen Sinn. Bei einer Sitcom ohnehin nicht, mit Live-Lachern und einem riesigen Typen-Kabinett, das ebenso schräg wie herzerwärmend über die Bühne tänzelt. Und das seit 12 Jahren, im Privatbetrieb – eine Förderung der Stadt gibt's erst seit vergangenem Jahr.

Und so umwirbt Theaterleiter Oliver Tautorat, der unter seiner fiesen Vokuhila-Perücke schon die Karten verkauft hat, beim Warm-Up die anwesenden Sponsorenvertreter, die dann auch – product placement rules – im Stück erwähnt werden. Die Auslastung liegt bei 95 Prozent, die Leute kommen sogar aus Steglitz (!) und Wilmersdorf (!), wie Tautorats launige Umfrage ergibt, bevor er mit allen den Berliner Akkusativ übt: "Wen freu ick?" "Mir!", schallt es zurück. Das Publikum ist aufgekratzt und voller Wiederholungstäter, der Rest wird einfach mitgerissen – "Wedding Story" hat noch nicht angefangen, da singen alle den zwei Geburtstagskindern im Publikum schon ein Ständchen.

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