Archiv Referenzen

26.10.2015

Berliner Morgenpost: Gegen die Wand

Der Romanbestseller „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ als Vier-Personen-Stück im Gorki

Berlin vibriert in Ekstase, Rausch, Rave: eine Bilder- und Sound-Flut, die in den übergroßen Buchstaben "Joy" kulminiert, die auf der hinteren Bühne kreisen. Baku hingegen, die Hauptstadt Aserbaidschans, besteht im Gorki Theater zunächst nur aus einer stummen Dia-Show mit verschiedenen Monumentalstatuen des Staatsgründers Hejdar Alijew – seine Familie beherrscht bis heute das Land. Hinten liegt die Freude am Boden.

Ganz so simpel liest sich das in Olga Grjasnowas zweitem Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe" von 2014 nicht. Sie erzählt von Altay, dem schwulen Arzt, und Leyla, der lesbischen Ballerina, verheiratet zum Schein, aber ein großartiges Team aus Neigung. Und von Jonoun, der jüdisch-amerikanischen Chaotin, die sich in Leyla verliebt. Zwischen Berlin und Baku strampeln sie sich auf herzzerreißend sympathische Weise ab beim Versuch, mit ihren Gefühlen und ihren Lebensentwürfen klarzukommen.

Das gelingt ihnen hier so mäßig wie da, wo zwar politisch ein rauerer Wind herrscht, aber mit den richtigen Kontakten alles möglich ist, während Farid, in den sich Altay dort verliebt, Westeuropa den Spiegel vorhält: "Der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität, um sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu vergewissern." Eine der bittereren Erkenntnisse in diesem rauschhaft klaren Roman.

Schon Grjasnowas Debüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" wurde am Gorki Theater uraufgeführt, von Yael Ronen zum Intendanz-Start von Shermin Langhoff und Jens Hillje – voll dialektisch-sinnlichem Spielwitz. Nurkan Erpulat geht die Sache rustikaler an, ernster, eindeutiger. Wenn von Leylas Folter im Gefängnis von Baku erzählt wird, rennen die vier Schauspieler so lange gegen die Holzwand, bis sie kippt und die Spielfläche ergibt. Eine Bilderflut – zerschundene Ballettfüße, die Berliner S-Bahn, das Bolschoi-Theater, russische Ikonen – reißt die Themen des Romans an, und wenn die Schauspieler zu sprechen beginnen, sind sie schon derart außer Atem, dass sie die Sätze hervorkeuchen.

Rasant geht es durch Altays und Leylas Berliner Partyleben, durch ihre Vorgeschichten. Selten hält Erpulat in seiner Bühnenfassung inne. Dann erst merkt man, warum es einen Mehrwert haben könnte, diesen Roman – der inhaltlich wie die Faust aufs Auge passt zum postmigrantisch-politisch-queeren Gorki-Programm – auf die Bühne zu bringen. Etwa wenn Erpulat mit stilisierten Videos den Körperkult im Ballett und in der schwulen Szene kurzschließt. Oder wenn die Schauspieler physisch an ihre Grenzen gehen wie Leyla mit ihrem Ballerina-Körper: Einmal verschlingt die filigrane Lea Draeger einen ganzen Kuchen an der Rampe, später quälen sich die anderen drei Schauspieler literweise Wasser rein.

Doch von diesen Bildern, diesem Weiterdenken des Romans gibt es zu wenig in den zwei Stunden. Man kann dem Roman im Zeitraffer gut folgen, aber oft wirkt das abstrakt, trocken. Zumal Erpulat gelegentlich den Holzhammer rausholt, um uns genderpolitisch zu belehren. Schade auch, dass die Frauen so blass bleiben, was sowohl an Erpulats Fassung liegt wie an Draegers Leyla und Mareike Beykirchs Jonoun, die sich kaum gegen Şahintürks zerrissenem Charmebolzen und Mehmet Ateşçi in vielen Nebenrollen durchsetzen können. Ateşçi sorgt mit seiner sanften Ausnahmestimme auch für den Sehnsuchtssoundtrack des Abends – hier blüht eine Sinnlichkeit, die Erpultats Inszenierung zu oft fehlt.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung