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01.03.2008

Theater heute: Kunst kommt von kontern

Das Münchner Literaturarchiv Monacensia ehrt Herbert Achternbusch mit der Ausstellung "Das Ich ist ein wildes Tier".

Still war es um ihn geworden in den 90ern, als hätten das Ende der Ära Strauß und die
Wiedervereinigung seine Interventionen überflüssig gemacht. Und damit ihn, den Filmemacher, Dramatiker, Lyriker, Romanautor, Maler, Bildhauer, Theaterregisseur, Grantier und Provokateur: Herbert Achternbusch, Universalkünsüer, Anarchogenie, Poète maudit. Doch nun scheint sich ein Achternbusch-Revival anzubahnen: 2007 wurden in Wien, Recldinghausen und Mannheim drei seiner Stücke uraufgeführt. Das Filmfest München plant in diesem Jahr eine Retrospektive, und das Münchner Literaturarchiv Monacensia widmet ihm die Ausstellung "Das Ich ist ein wildes Tier". Warum gerade jetzt?
Im Falle der Monacensia ist der Grund schlicht: 2005 kaufte das Haus Achternbuschs literarisches Archiv. Vorlass heißt das im Fachdeutsch und bedeutet in der Regel ein öffentlichrechtliches
Gnadenbrot. In der kleinen Ausstellung in der Monacensia-Villa hängt ein Brief, in dem
Achternbusch an die Leiterin des Hauses, Elisabeth Tworek, zum Vorlass-Verkauf schreibt: "Da
ich weiß, daß Monacensia wenig Geld hat, ich aber keines, habe ich mir eine kleine Aufrundung
erlaubt (incl. MWST)." Seine Filme werden selten gesendet, seine Stücke kaum gespielt, die Bücher
findet man zuweilen auf dem Grabbeltisch.
Dabei war Achternbusch lange der Reißnagel im wohlgenährten Fleisch der BRD, ein Meister der Provokation. Anders als Christoph Schlingensief, sein legitimer Nachfolger, lässt er sich dabei geografisch verorten. Geboren wurde er in München 1938 als Herbert Schild, und viel weiter ist er danach nicht gekommen: "Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt." Es ist einer seiner legendären Aphorismen, die in der von Franz Xaver Karl kuratierten und von Katharina Kuhlmann gestalteten Ausstellung an den Wänden prangen. Wie auch das Bekenntnis "Ich möchte nicht nur deswegen ein guter Künstler sein, weil das Publikum so schlecht ist", oder: "Kunst kommt von kontern, nicht von können."
Darunter liegen in Vitrinen Typoskriptseiten, Drehbücher und bemalte Reclamhefte. Mehr Sinnlichkeit verströmt eine kleine Leseecke: Da steht vor einer von Achternbusch gestalteten
Fototapete ("Zug der Urnen") der klapprige Schaukelstuhl des Künstlers; auf einer Borte liegen Suhrkamp-Ausgaben von "L'Etat c'est moi" oder "Die Atlantikschwimmer"; schräg darüber ist ein Türsturz mit Fotos von Achternbuschs Wohnung beklebt, die er über und über mit archaischen Malereien verzierte.
Mit einem Kunststudium in Nürnberg und München hatte seine Laufbahn begonnen. Etliche
Werke sind in der Monacensia zu sehen, vor allem Collagen, übermalte Fotos und "Kinderfriedhof" oder "Heiligtum" betitelte Kleinskulpturen. Auf Achternbuschs Schaffen als Autorenfilmer
macht ein Kinoraum mit Leinwand und Stühlen aufmerksam, wo etwa sein "Bierkampf" von 1977 oder "Der Neger Erwin" von 1980 laufen. Auf fast 30 Produktionen hat er es gebracht; viele von ihnen sind als Stills an den Wänden gegenwärtig.
Kaum etwas erfährt man in dieser Ausstellung hingegen über Achternbuschs Schaffen als Theaterautor und Regisseur. Nur wenige vergilbte Typoskriptseiten zeugen von seinen Arbeiten für die Bühne. Bei immerhin gut 20 Stücken und etlichen eigenen Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen des Dieter Dorn hätte man sicher ein paar Szenenfotos oder Kritiken auftreiben können, zumal "Gust" (am Residenztheater) in eigener Regie 1986 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen wurde.
Dabei sind es neben den Filmen vor allem seine Dramen- und Prosatexte, in denen Achternbusch mit einer unverschämten Subjektivität die Welt als bitterbös-lächerliche Hanswurstiade zeigt. Vielleicht erscheint gerade das zu Zeiten, in denen Kunst vor allem dokumentarisch verfährt, wieder interessant und exotisch.


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