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01.08.2015

amnesty journal: Der genaue Blick

Mit "The Look of Silence" beschäftigt sich der US-amerikanische Filmemacher Joshua Oppenheimer erneut mit dem indonesischen Massaker von 1965 – diesmal aus der Persepktive der Opfer. Eine Werkschau

Schönheit kann ziemlich irritierend wirken. Etwa dann, wenn von den grausamsten Menschenrechtsverbrechen die Rede ist – und sich dazu Naturpanoramen aufblättern, Menschen in aufwändigen Kostümen vor einem Wasserfall posieren, Autos und Passanten im nächtlichen Scheinwerferlicht eine geheimnisvolle Aura erhalten. Selbst die an sich eher unspektakuläre Arbeit eines Optikers wird zum ästhetischen Bilderrätsel: Zunächst sieht man nur eine Linse, die sich vor ein Auge schiebt. Erst allmählich begreift man, dass ein Brillenmacher bei seinem Kunden die Dioptrinstärke ermittelt.

Zugleich sucht hier einer auch im übertragenen Sinn nach Klarheit. Denn Adi, der Brillenmacher im Film „The Look of Silence“, ist der jüngste Bruder von Rami, eines der bekanntesten Opfer des Massakers in Indonesien 1965, mit dem die Diktatur von General Suharto begann. Damals wurden massenhaft „Kommunisten“ ermordet, oft auf bestialische Weise. Schätzungen gehen von bis zu einer Million Opfer aus. In der offiziellen indonesischen Geschichtsschreibung werden die Taten bis heute zum heroischen Kampf verklärt, der das Land vor den Kommunisten schützte. Die Täter von damals gehören immer noch zur Elite, trotz des Demokratisierungsprozesses des Landes seit gut 15 Jahren.

Mit den Tätern hatte sich der us-amerikanische Filmemacher Joshua Oppenheimer in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm „The Act of Killing“ 2012 auseinandergesetzt. In der Annahme, hier werde ein Film über ihre Heldentaten gedreht, spielen sie die Folterungen und Morde von einst nach, prahlen mit ihrer Grausamkeit. Immer wieder aber mischen sich auch Momente des Zweifelns hinein – weil sie natürlich wissen, dass sie Verbrechen begangen haben. So entstehen Momente der Uneindeutigkeit, auch für den Zuschauer. „Jeder Täter ist auch ein Mensch“, sagt Oppenheimer. „Sie sind keine Monster, sondern Spiegel. Da hineinzuschauen schmerzt.“

Für seinen Film erntete Oppenheimer viel Lob, unzählige Preise und eine Oscar-Nominierung. Aber es gab auch kritische Stimmen: Was ist mit den Opfern? Deren Perspektive vertritt nun Ramlis Familie in „The Look of Silence“, der am 1. Oktober in die Kinos kommt und zuvor beim Menschenrechtsfilmfestival in Nürnberg läuft. Vor allem Adi, der erst zwei Jahre nach Ramlis Tod geboren wurde. Er reist unter dem Vorwand zu den Tätern, ihnen eine neue Brille zu machen und stellt dabei unangenehme Fragen – ruhig, aber genau nachhakend, als würde er seit Jahren als Journalist arbeiten.

„Als ich jung war, wollte ich immer die Täter treffen“, sagt er heute – gemeinsam mit Oppenheimer hat er den Film in Deutschland vorgestellt. „Als Joshua kam und mit mir diesen Film machen wollte, ging ein Traum in Erfüllung. Ich hatte diese Fragen seit Jahrzehnten im Kopf und endlich konnte ich sie stellen.“ Im Film sieht man Adi oft vor einem Fernseher mit dem Material zu „The Act of Killing“ sitzen, mit ruhigem, konzentrierten Blick. Nur selten zeigt ein Schatten auf seinem Gesicht, eine Falte, ein Zusammenzucken, wie sehr ihn das bewegt, was er sieht: die Mörder seines großen Bruders.

Mit Adi hat Oppenheimer den idealen Protagonisten gefunden, weil er trotz all des Leids, mit dem er sich auseinander setzen muss, ruhig bleibt. „Wut ist sinnlos“, erklärt er. „Wenn ich wütend werden würde, wäre ich wie die Täter.“ Auch wegen Adi ist „The Look of Silence“ ein zutiefst bewegender Film, dem so etwas wie Rache fremd zu sein scheint. Mit seinen Fragen bringt er die Täter und ihre Familien vollkommen aus dem Konzept. Die Ausreden, in die sie sich flüchten, ihr Beschwichtigen und Mauern erinnert fatal an jene Reflexe, mit der sich die Tätergeneration in Deutschland nach 1945 gewehrt hat. „Stellen Sie sich vor, die Nazis hätten den Krieg gewonnen – und würden jetzt von einem Opfer mit ihren Taten konfrontiert“, sagt Oppenheimer.

Der 40-järige Regisseur und Filmwissenschaftler stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie – viele Verwandten seiner Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Wie Adi ist auch er besonnen, freundlich, sanft. Immer wieder hinterfragt er sich und seine Methoden kritisch. „Ich interessiere mich dafür, wie wir Menschen in einer Art zusammenleben können, die Würde und Fürsorge fördert und in der es undenkbar wird, einander systematisch zu verletzen“, erklärt er seine Motivation, sich in seinen Filmen immer wieder mit den universalen Menschenrechten auseinanderzusetzen. Oft beginnen sie wie Rätsel. Erst allmählich begreift man die Zusammenhänge, setzen sich die Geschichten mosaikartig zusammen. So bleibt man als Zuschauer wach, denkt mit. Wie sich in „The Look of Silence“ nach den vielen Worten der Abwehr und Verteidigung durch die Täter Momente der Stille aufspannen, lässt ihr Schweigen unangenehm nachhallen.

Selten gelingt es Kunst, derart stark in die Realität hinein zu wirken wie Oppenheimers Filmen: Während „The Act of Killing“ in Indonesien vor allem heimlich gezeigt und übers Internet populär wurde, wurde „The Look of Silence“ auch dank der Unterstützung durch die nationale Menschenrechtskommission zu einem landesweit diskutierten Film. Seitdem haben ihn vor allem junge Menschen gesehen, wie Adi berichtet. Zwar gibt es Versuche der Zensur, den Film zu unterdrücken. Aber auch das wurde medial kritisch aufgegriffen. Längst hat eine offizielle Diskussion über die Vergangenheit Indonesiens eingesetzt, die unaufhaltbar scheint.

Nach Indonesien kam Oppenheimer zum ersten Mal 2001. Er war gefragt worden, ob er den Mitgliedern einer verbotenen Gewerkschaft helfen könne, einen Film über ihre Situation zu machen: „The Globalisation Tapes“. Auf der Suche danach, wer Schuld an ihrem Leid ist, verfolgen die Arbeiter die Spuren der Globalisierung, die sie bis zu den amoralischen Regeln der Welthandelsorganisation führt und zu den USA, die jahrzehntelang den wirtschaftsliberalen Diktator Suharto untertützten. Auch wenn Oppenheimer bei der Entstehung dieses Wut- und Mutmachfilms als Berater und nicht als Regisseur wirkte, gibt es viele Momente, die seine Handschrift tragen. Besonders die der Verfremdung, etwa wenn eine Plantagenarbeiterin um einen Palmenbaum herum Gift versprüht und gut gelaunt davon singt, dass dieses Gift sie töten wird.

Bis dahin wusste Oppenheimer nichts über Indonesien und dessen Geschichte. Während der gemeinsamen Arbeit lernte er, wie angstbehaftet der Versuch war, sich gewerkschaftlich zu organisieren, weil 1965 so viele Gewerkschaftler unter den Opfern waren. Seine Erkenntnis: „Das stärkste Gift ist die Angst.“ Deutlich wurde aber auch, wie sehr sein Heimatland in die Menschenrechtsverletzungen involviert war. Der USA hatte er schon1996 in „These Places We’ve Learned to Call Home“ auf den rechtsradikalen Zahn gefühlt: In schockierender Weise schneidet er düstere, experimentelle Bilder mit Telefongesprächen zusammen, die er mit Menschen vom rechten Rand geführt hat. Was da an wirren Verschwörungstheorien, an Rassismus, Antisemitismus und dreistesten Faktenverdrehungen aufscheint, hat an Aktualität nichts eingebüßt, wie die Morde an Schwarzen in den USA gerade auf erschreckende Weise demonstrieren.

„Kunst ist wie das Kind in Andersens Märchen ‚Des Kaisers neue Kleider’“, sagt Oppenheimer. „Sie kann die Welt nicht verändern. Aber sie kann auf Dinge hinweisen, die die Menschen nicht sehen.“ Seine Filme fordern dazu auf, besonders genau hinzuschauen – und forschen letztlich nach einer Antwort auf die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.


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