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01.06.2015

amnesty journal: "Der Vernichtung preisgegeben"

Während des Ersten Weltkriegs starben beim Völkermord an den Armeniern mehr als eine Millionen Menschen. Jetzt jährte sich der Genozid zum hundertsten Mal. Ein Gespräch mit Jürgen Gottschlich, Autor des Buchs „Beihilfe zum Völkermord“, über Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier

Der Völkermord an den Armeniern ist vielen in Deutschland ein Begriff, nur die wenigsten wissen allerdings, dass die Deutschen daran beteiligt waren. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Ich lebe seit 15 Jahren als Korrespondent in Istanbul. In dieser Zeit bin ich von türkischen wie auch armenischen Bekannten und Freunden immer wieder darauf angesprochen worden, dass die Deutschen am Völkermord nicht ganz unbeteiligt waren. Bei türkischen Nationalisten habe ich immer gedacht, dass ist ein wohlfeiles Ablenkungsmanöver. Aber bei den armenischen Freunden hat mich das schon stutzig gemacht. In Deutschland bin ich zudem auf völlige Unkenntnis gestoßen. Das hat mich zusätzlich motiviert, dieses Buch zu schreiben.

Der Impuls für den Völkermord ging von den regierenden nationalistischen Jungtürken aus. Lässt sich der Anteil der Deutschen am Völkermord klar umreißen?

Ich vergleiche den Anteil der Deutschen mit den Schweizer Banken und der Beihilfe zur Steuerhinterziehung: Sie hinterziehen nicht selbst, aber ohne sie wäre es schwer möglich. Von den Deutschen ist nur in einem Fall belegt, dass ein höherer Offizier an den Massakern selbst beteiligt war. Ansonsten ging es um Beratung und Vorbereitung von Deportationen durch deutsche Offiziere, die als Verbündete im Hauptquartier der Osmanischen Armee saßen und sich dort natürlich nicht selbst die Hände schmutzig gemacht, aber entsprechenden Rat gegeben haben. Das Ganze war ja von der Reichsregierung politisch gedeckt.

Hätten die Deutschen den Völkermord verhindern können?

Es gab eine Situation, wo man zumindest entscheidenden Einfluss hätte nehmen können. Die Deportationen begannen im Frühjahr 1915. Im Sommer war den Deutschen klar, dass es den Jungtürken nicht nur um eine Deportation ging, sondern um eine Vernichtung der Armenier. Das hat der damalige Botschafter Hans von Wangenheim so auch nach Berlin gemeldet. Spätestens da hätte man was unternehmen müssen. Wangenheim hat dann bei der türkischen Regierung protestiert, aber wie er selbst schrieb: nur pro forma, damit man das später in den Akten hätte nachweisen können.

Die Deutschen wollten ihren Verbündeten ja auch nicht verärgern.

Vor allem nicht in der angespannten militärischen Situation: Parallel zur Vernichtung der Armenier lief die entscheidende Schlacht an den Dardanellen, wo die Alliierten versuchten, Istanbul zu erobern. Auf türkischem Gebiet war das die entscheidende Schlacht des Ersten Weltkriegs. Die lief den ganzen Sommer über. Zwischenzeitlich starb Wangenheim an einem Schlaganfall. Sein Nachfolger war ganz anders drauf und wollte wirklich was unternehmen. Er hat sich dann persönlich per Botschaftsdepesche an den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg gewandt: Man muss mit Sanktionen drohen, sonst wird nichts passieren. Das hat Bethmann Hollweg mit dem mittlerweile bekannten Spruch abgelehnt: „Wir brauchen die Türken und wenn die Armenier dabei zugrunde gehen.“ Das war im November 1915, da waren zwar schon viele Armenier gestorben und aus den ostanatolischen Gebieten auch deportiert, aber die Armenier im Westen der Türkei und an der Mittelmeerküste waren teilweise noch nicht vertrieben und diejenigen, die den Todesmarsch in die Wüste überlebt hatten, waren jetzt der Vernichtung preisgegeben, die hätte man natürlich retten können.

Wie?

Man hätte in Istanbul eine große humanitäre Aktion durchsetzen müssen, um den deportierten Armeniern Lebensmittel zu bringen. Es gab ja einige wenige Hilfsorganisationen rund um den Theologen Johannes Lepsius, die Geld dafür gesammelt haben. Zu denen hat das Auswärtige Amt gesagt: Wenn ihr aufhört, über die Armeniergräuel zu reden, dürft ihr über neutrale Dritte wie die Schweiz und die USA Hilfsmittel runterbringen. Aber sie wollten auf keinen Fall, dass das nach Außen bekannt wurde.

Im Prinzip war also der Völkermord an den Armeniern ein Kollateralschaden des deutschen Großmachtstrebens.

Könnte man so sagen, ja.

Es gibt in den Schilderungen der deutschen Militärs, die Sie im Buch zitieren, immer wieder abwertende Formulierungen über die Armenier wie schwarzbärtig, wild, fanatisch aussehend. Hatte dieses Menschenbild etwas mit „rassischen“ Vorurteilen zu tun?

Das war ethnischer Rassismus. Bis in die Formulierungen hinein ähneln die Beschreibungen denen der deutschen Antisemiten. Das waren tiefreaktionäre preußische Generäle, die da hingegangen sind mit einem unglaublichen Dünkel, auch gegenüber ihrem türkischen Bündnispartner, aber erst recht gegenüber den Armeniern.

Warum erkennt die Türkei heute den Völkermord nicht als solchen an?

Das hat mehrere Gründe. Erstens gibt keine Gesellschaft gerne zu, dass ihre Vorfahren Völkermord verübt haben. Das machen in der Regel nur die, die verloren haben wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Türkei hat zwar den Ersten Weltkrieg verloren, aber in der Türkei mündete er in den Unabhängigkeitskrieg, der bis 1923 dauerte und als Gründungsmythos der türkischen Republik gilt. Auf der Grundlage dieses Sieges wurde dann auch der Friedensvertrag neu verhandelt, der eher im Sinne der Türkei war. Deshalb sahen sie sich nicht als Verlierer und fühlten sich nicht gezwungen, einen Völkermord zuzugeben. Zweitens gibt es in der Gründungsgeschichte personelle Kontinuitäten, also Menschen, die am Völkermord beteiligt waren und später im Unabhängigkeitskrieg eine wichtige Rolle spielten. Man will seine Gründungsväter nicht desavouieren. Und dann hat man einer Gesellschaft 90 Jahre lang erzählt, es gab keinen Völkermord, und nun ist es schwer, von einem auf den anderen Tag zu sagen: Es gab doch einen.

Spielt auch die aktuelle Politik eine Rolle?

In Armenien gibt es Parteien gibt, die fordern: Wir wollen Westarmenien, also die Ost-Türkei zurück. Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei war zwar schon zu Sowjetzeiten die Trennlinie, aber die 1991 gegründete Republik Armenien hat sie offiziell noch nicht anerkannt. 2009 gab es einen Anlauf, die Eiszeit zwischen den Ländern zu überwinden, als der damalige türkische Präsident Abdullah Gül nach Jerewan gefahren ist – ohne nachhaltigen Erfolg. Es gibt starke Widerstände in der armenischen Gesellschaft, vor allem aber in der Diaspora, sich mit der Türkei an einen Tisch zu setzen, bevor die türkische Regierung den Völkermord anerkennt. Und in der Türkei sagen auch die gutwilligen Leute: Die Anerkennung des Völkermordes kann am Ende einer Diskussion stehen, aber sie kann schlecht damit anfangen. Auf der offiziellen Ebene blockieren sich damit die beiden Seiten. Dann kommt noch das Problem Bergkarabach und Aserbaidschan dazu. Wenn die Türkei die Grenze zu Armenien öffnen würde, würde Aserbaidschan ihr den Öl- und Gashahn zudrehen. Die Armenier sind wiederum mit den Russen eng verbündet. Die Russen sind die, die den Deal um Karabach machen müssten als Verhandlungspartner. Die Russen wollen das aber gar nicht, denn dann würden die Armenier sagen: Jetzt könnt ihr eure Truppen abziehen. Das will Putin natürlich nicht.

Und warum will Deutschland den Völkermord nicht anerkennen? Seit 1945 hätte es doch genügend Möglichkeiten gegeben, sich mit der deutschen Mitschuld zu beschäftigen.

Das ist ja genau der Punkt: 1945 musste man sich mit einen anderen Völkermord auseinandersetzen. Außerdem beschäftigt sich keine Regierung von sich aus gerne damit, realpolitisch ist nichts zu gewinnen. Die paar Armenier, die hier in Deutschland leben, besitzen nicht genügend politisches Gewicht. Aus deutscher Sicht ist Armenien weit weg, mitten im russischen Orbit. Dagegen gibt es viele türkische Migranten, mit denen man sich eventuell Ärger einhandeln würde. Mit Erdoğan haben sie sowieso schon Ärger. Deshalb fährt ja auch von der Bundesregierung niemand zur Hundertjahrfeier nach Jerewan. Das halte ich für einen echten Skandal.

Hintergrund:

Jürgen Gottschlich, Jahrgang 1954, studierte Philosophie und Publizistik in Berlin. Er gehört zu den Mitbegründern der taz, wo er bis 1993 arbeitete, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Seit 1998 lebt  Gottschlich in Istanbul und ist als Korrespondent für verschiedene Zeitungen tätig. 2004 erschien sein Sachbuch „Die Türkei auf dem Weg nach Europa“. Zusammen mit seiner Frau, der Journalistin Dilek Zaptçıoğlu, schrieb er 2005 „Das Kreuz mit den Werten“ über die unterschiedlichen Wertvorstellungen von Deutschen und Türken.

In „Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier“ beschreibt Jürgen Gottschlich, wie es vor hundert Jahren während des Ersten Weltkriegs im zerfallenden Osmanischen Reich zum Genozid an den Armeniern kommen konnte. Er lässt die Leser an seiner Spurensuche teilhaben, erklärt Hintergründe, ohne zu belehren  und skizziert die Auswirkungen des Völkermords bis heute. So wird sein Buch zu einer packenden, auch emotionalen Reise in die Vergangenheit – und zu einer bitteren Lehrstunde über Realpolitik und ihre Folgen.


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