Archiv Referenzen

25.11.2015

nachtkritik.de: Keinen Pfennig wert

Die Trümmer von Aleppo sind der wunde Fluchtpunkt, auf den dieser Abend zusteuert. Eine Kamera gleitet unter Hubschraubergetrommel über die Ruinen, in denen ein Balkongitter oder eine halbe Fassade erahnen lassen, dass Aleppo mal eine schöne, lebenswerte Stadt gewesen sein muss. Jetzt erinnern die Bilder an die vergilbten Aufnahmen von Berlin 1945 – eine Stadt, in der man vielleicht noch irgendwie hausen kann. Aber leben?

Syrien also. Dabei ist der Krieg gar nicht allgegenwärtig in "Der klügste Mensch im Facebook", jenem (E-)Buch, das ausschließlich aus Facebook-Posts besteht, die Aboud Saeed zwischen 2011 und 2013 schrieb. Vor dem Hintergrund der Aufstände gegen Assad und dem Bürgerkrieg postete er über Alltäglichkeiten – und den Terror. Dass er so zum New-Media-Star wurde, liegt an der literarischen Qualität der Kurztexte, die Paradoxien ausloten, lässig Provokationen hinschlenzen, lyrisch die Individualität feiern. Die einem immer dann den Atem stocken lassen, wenn neben dem Nachdenken über Follower und das schöne Mädchen von Nebenan der Diktator und Tote um die Zeilen lugen.

Warum aber aus den Kurztexten, die neben dem Datum auch immer die Likes verzeichnen, einen Theaterabend machen? So richtig wird das im Berliner Ballhaus Naunynstraße zunächst nicht klar, wo der ziemlich erfolgreich zwischen allen Theater- und Filmstühlen wandelnde Schauspieler Karim Chérif zusammen mit Dramatikerin Azar Mortazavi eine postdramatische Versuchsanordnung für zwei Personen gebastelt hat. Was Chérif auf der kleinen Bühne spricht, wirkt mal wie eine Anverwandlung, dann wieder wie ein Kommentar – ein kleiner, hibbeliger Aufmerksamkeits-Schreihals, der sich eigentlich nur von seiner Überfrau, halb Mutter, halb Heilige, in seinem Kampf um Aufmerksamkeit bremsen lässt. Bärbel Schwarz, die nebenbei virtuos die Musik macht zwischen aufgekratztem Synthie-Pop, Schlagzeug-Gedröhn und E-Gitarren-Melodien, liefert ihm Stichworte – und braucht doch oft nur einen Blick aus ihren dick umschminkten Augen, um Saeeds aus Unsicherheit aufgeblasenem Ego die Luft rauszulassen.

Weiterlesen...


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt