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01.12.2015

Berliner Morgenpost: Sie gehen sich an die Wäsche und an die Gurgel

Ein bisschen dünn, aber hervorragend gespielt: „Haus auf dem Land“ im Renaissance-Theater

Ach, diese Schauspieler! Ein schwieriges Volk – sie kreisen um sich selbst, ihre Eitelkeiten und ihre Kunst, neigen auch im privaten Leben zu dramatischen Ausbrüchen und sind am Ende doch nur arme Würstchen. So geht landläufig die Meinung. Und so geht im Wesentlichen auch "Haus auf dem Land" von Donald Margulies: Da versammelt sich die Familie der Schauspiel-Diva Anna Patterson in ihrem Landhaus, um der vor einem Jahr verstorbenen Tochter zu gedenken. Alle kommen sie: Der heruntergekommene Bruder, die junge Tochter, die als Einzige einen Bogen ums Theater macht, der Witwer, der so taktlos ist, seine neue Freundin mitzubringen. Mitten hinein platzt Michael, ein alter Freund der Familie und mittlerweile erfolgreicher Serienstar.

Ein paar Tage lang gehen sie einander an die Gurgel und die Wäsche, diese Sommergäste, die sich oft aufführen, als wären sie einem Stück von Tschechow oder Tolstoi entsprungen. Eine Andeutung, die Bühnenbildner Momme Röhrbein am Renaissance-Theater in seinem phantastischen Raum aufgreift: Halb drinnen, halb draußen vereint er amerikanischen Landhauscharme mit russischem Birkenwäldchen. An den Wänden hängen Theaterplakate, Laub liegt herum, anfangs sind die Möbel weiß verhüllt. Es ist, als ob die amerikanische Theatersippe nie aufhören würde, sich in Tschechow-Rollen zu bewegen.

Schön wär's! Denn dann hätten die zwischenmenschlichen Verwicklungen, die Margulies genüsslich ausbreitet, vielleicht ein wenig mehr Spannung und Tiefgang – wie in seinem Bühnenhit "Freunde zum Essen", 2002 ebenfalls am Renaissance-Theater erstaufgeführt. Auch in "Haus auf dem Land" ergeben sich herrliche Inseln pointierter Dialoge und feiner Zuspitzungen. Aber ihnen fehlt das Zwingende, der große Bogen, das Exemplarische. Vermutlich hätte man straffen müssen, aber Guntbert Warns, als Regisseur ein eher behutsamer Spielleiter, lässt dem Text und den Figuren viel Raum und Luft zum Atmen. Grundsätzlich keine schlechte Idee, aber dafür ist "Haus auf dem Land" dramaturgisch zu dünn.

Immerhin fallen ein paar tolle Rollen ab, für die das Renaissance-Theater ein erstklassiges Ensemble zusammengetrommelt hat. Zum Beispiel Judy Winter, die als alternde Diva Anna natürlich auch immer eine leise Parodie auf sich selbst spielt. Herrlich raumgreifend sind ihre Gesten, jeder Schritt gleicht einem Auftritt. Wie berührend, wenn Anna dann wirklich mal verletzt ist: Dann verhärtet sich ihr Gesicht, wird zur undurchdringlichen Maske. Michael Mendls ebenfalls nicht mehr ganz junger Regisseur Walter setzt erstaunlich intime Akzente, wie hier überhaupt die vierte Wand hervorragend funktioniert, also so zu spielen, als wäre das Publikum nicht da.

Wenn sich gegen Ende Walter und sein Ex-Schwager Elliot zoffen, dann packt das auch deshalb, weil Mendl hier jede Menge Lebenserfahrung durchblicken lässt. Heikko Deutschmanns Elliot ist erfrischend gegen den Typ besetzt: Mit vorgeschnalltem Bauch, Strubbelhaar, runder Brille und jeder Menge Wut im Bauch zeichnet er das schwarze Schaf der Familie als vernachlässigtes Kind, das seinen Verlorenheitsschmerz in Verachtung ummünzt.

Alle lieben sie Nell, Walters neue Flamme, die Annika Mauer hinreißend natürlich grundiert – eine erfolglose Schauspielerin, aber was für ein Mensch! Selbst ihre ärgste Feindin, Walters Tochter Susie, überzeugt sie am Ende: Linn Reusse wechselt manchmal zu abrupt zwischen den extremen Emotionsregistern, mit denen sie der Autor ausgestattet hat. Und doch beeindruckt, wie hemmungslos und zugleich schüchtern sie trotzt und liebt. Vor allem liebt sie Michael, den Serienstar, der hier ebenso wie Nell zum Katalysator der Emotionen wird. Christian Schmidt spielt ihn als Sunnyboy, der sich mit einem charmanten Lächeln aus jeder noch so peinlichen Lage befreien zu können glaubt. Ach, diese Schauspieler! Wegen ihnen lohnt sich der Gang ins Renaissance-Theater. Wenn sie doch nur Tschechow spielten!


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