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24.12.2015

Berliner Morgenpost: Eine alte Geschichte mit der Krise von heute verbunden

Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“ an der Schaubühne

Ritterlichkeit, diese nahezu ausgestorbene Tugend, kann einem ordentlich ein Bein stellen. Wie Anton Hofmiller, Ulanenleutnant und erzählende Hauptfigur in Stefan Zweigs einzig vollendetem Roman "Ungeduld des Herzens", der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt. Höflich-zuvorkommend ist er, aber das geht so weit, dass er – aus Rücksichtnahme und falschem Mitleid – eine junge Frau in die Katastrophe treibt. Zunächst begeht er die Ungeschicklichkeit, auf einer Abendgesellschaft Edith, die gehbehinderte Tochter des Hauses, zum Tanzen aufzufordern. Um seinen Fehler wiedergutzumachen, besucht er sie regelmäßig. Sie verliebt sich in ihn, er schafft es nicht, sie abblitzen zu lassen, schliddert in seine Verlobung hinein, verleugnet sie allerdings vor seinen Kameraden. Das Mädchen bekommt davon Wind und bringt sich um.

Wie nähert man sich dieser Welt von gestern? An der Schaubühne bahnt sich Simon McBurney, britischer Schauspieler und Regie-Export, behutsam einen Weg in die Welt des späten österreichischen Kaiserreichs. Auf der Bühne stehen Tische, Lampen, Stühle wie aus den Amtsstuben des k.k.-Reichs. In einer Vitrine hängt eine Uniform wie jene, in der der österreichische Thronfolger 1914 in Sarajewo erschossen wurde. Wie hereingeweht kommen die Schauspieler auf die Bühne, Robert Beyer stellt sie im Plauderton vor. Dann beginnt Christoph Gawenda die Geschichte zu erzählen, halb als Vorleser, halb als alter Hofmiller mit Kriegsverletzung. Die Bühne verwandelt sich in ein Hörspielstudio, Glas klirrt, ein Zug rattert vorbei. Das erinnert ein bisschen an die Arbeiten von Katie Mitchell. Aber die Bilder, die sich so zusammensetzen, sind dann doch viel karger, lassen mehr Raum fürs Kopfkino.

Und für die Schauspieler. In der Vitrine zieht sich Laurenz Laufenberg die Uniform über und ist nun der junge Hofmiller, mal ein verlegener Junge, dann wieder ein Charmebolzen. Nach und nach steigen auch die anderen in ihre Rollen, die oft Skizzen bleiben, um sich dann plötzlich psychologisch zu verdichten. Dann wieder fallen sie chorisch in die Erzählung ein oder in traumwandlerische Choreografien.

MacBurney beherrscht eine riesige Palette der Mittel, kombiniert Video, Figurenspiel, literweise Bühnenblut mit den Taschentricks der Theatergeschichte, illustriert hemmungslos, arrangiert lebende Bilder. Aber all diese Mittel stellt er streng in den Dienst der Geschichte, die er spannend wie ein Kinofilm erzählt. Die Zuschauer packt er kräftig am Schlafittchen und schleudert sie mitten hinein in die Seelennöte der Figuren. Manchmal wirkt die Mischung aus Raffinesse und Wirkungsdramaturgie überwürzt, schließlich drängt der Regisseur den Stoff von 500 Seiten in zwei Stunden. Die Schauspieler greifen das dankbar auf, obwohl sie sich nicht auf ihren Rollen ausruhen können.

Am Ende erzählt McBurney aber nicht nur eine alte Geschichte mit moralischer Fragestellung, sondern stellt eine neue: Fotos zeigen die Katastrophen vom Ersten Weltkrieg bis heute, enden bei den Flüchtenden im Mittelmeer. Zweig selbst war Flüchtling, er veröffentlichte den Roman 1938 im Londoner Exil. Was das für uns bedeutet, muss jeder selbst beantworten.


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