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31.01.2016

Berliner Morgenpost: Diven gehören in die Pop-Welt

Anna Prohaska und Maria Bengtsson sind Berlins große Sängerinnen. Ein Gespräch über Spleens, Stars und Extreme.

Sie gehören zu den großen Stimmen Berlins: Anna Prohaska und Maria Bengtsson. Bengtsson war von 2002 bis 2007 im Ensemble der Komischen Oper und sang dort die großen Mozart-Partien. 2012 sprang sie an der Staatsoper für Anna Netrebko ein. Seitdem singt sie an den großen Opernhäusern in Wien, München, Mailand. Dort trifft man mittlerweile auch Prohaska an, die seit 2006 fest im Ensemble der Staatsoper singt und sich in Mozartpartien wie in Opern des 20. Jahrhunderts zum Star entwickelt hat. Jetzt sind beide zeitgleich an der Staatsoper zu erleben: Während die Staatskapelle durch Japan tourt, veranstaltet die Staatsoper aus dem Repertoire ein Kammeroper-Festival. Ein Gespräch über Diven, anspruchsvolle Rollen und Supermodels.

Berliner Morgenpost: Frau Prohaska, Frau Bengtsson – was ist eine Operndiva?

Anna Prohaska: Eine Primadonna. Früher war das die erste Sängerin an einem Opernhaus.
Maria Bengtsson: Heute wäre das eine, die ein ganzes Haus füllen kann mit ihrem Namen.
Prohaska:
Genau. Kann ich aber nicht.
Bengtsson:
Ich auch nicht. Ich würde mich nie Diva nennen.
Prohaska:
Das Wort kommt von La Diva, die Göttin. Das sind so Sängerinnen, die an der Scala singen, sich in Pelzmäntel hüllen, Spleens haben. In den 70er-Jahren gab's zum Beispiel Kath­leen Battle, die ihr Hotelzimmer gewechselt hat, wenn ihr die Farbe des Teppichs nicht gepasst hat. So was gibt's heute eher in der Popwelt.

Wie reagieren Sie, wenn Sie als Diva bezeichnet werden?

Bengtsson: Ich fühle mich wie eine Sängerin, die ihren Beruf macht, zwei Kinder zu Hause hat – ich bin so weit weg von Diva, weiter geht's nicht.
Prohaska:
Ich habe zwar keine Kinder, aber bei mir ist das ähnlich. Ich hab zum Beispiel Löcher in meinen Blusen! (zeigt stolz ein Loch in ihrer Bluse her) Und im Gegensatz zum Klischee von einer Diva, die gerne auf sich warten lässt, hasse ich es zu spät zu kommen.
Bengtsson:
Disziplin, genau.
Prohaska:
Weil ich fest im Ensemble bin, aber auch viel unterwegs, habe ich das Gefühl, ich muss gewissenhafter sein als die anderen, damit die nicht sagen: Ach, du warst wieder mal auf einem Gastspiel und hast dich nicht gut für unsere Sachen hier vorbereitet.

Ist Anna Netrebko eine Diva?

Bengtsson: Überhaupt nicht. Sie ist so unglaublich bodenständig. Beim Applaus bleibt sie nicht lange vorne alleine stehen, sondern nimmt sofort die Hände der Kollegen.
Prohaska:
Gerade die großen Stars wie Netrebko, Erwin Schrott, Placido Domingo sind oft unglaublich nett, fragen, wie es einem geht, halten den Laden nicht auf mit ihren parfümierten Geschichten. Der große Unterschied zwischen den Diven früher und den Sängerinnen heute ist, dass wir es gewohnt sind, auf der Bühne emotional und körperlich ins Extreme zu gehen. Da kann man gar nicht divenhaft sein.

Das Regietheater hat also die Diva getötet!

Bengtsson: Das Regietheater hat mir vor allem unglaublich geholfen, mich auszudrücken. Es hat mir nie gereicht, nur zu singen und mich zur nächsten Position zu bewegen. Ich war die ersten zwei Jahre in Wien an der Volksoper, da war's noch ein bisschen alte Schule. Als ich dann an der Komischen Oper angefangen habe, hat mich dieses extrem Körperliche befreit.
Prohaska:
Ich habe auch an der Komischen Oper meine erste Produktion gesungen, die Flora in "The Turn of the Screw" in Harry Kupfers Inszenierung. Das war keine extreme Inszenierung. Regietheater bedeutet ja nur, dass es einen Regisseur gibt, der seine Vision des Stückes auf die Bühne bringt – und nicht, dass man sich ausziehen muss.
Bengtsson:
Genau. Musik und Regie sind auf der gleichen Ebene.

Von der Komischen Oper zur Staatsoper – ist das der typische Berliner Karriereweg?

Bengtsson: Bei mir hat es zwei Jahre gedauert, bevor ich herkommen durfte. Das war ein bisschen nach dem Prinzip: Kann sie auch singen oder nur schauspielern?
Prohaska: So ein Vorurteil!

Bengtsson: Das musste ich erst abputzen.

Dabei hätte man ja schon an der Komischen Oper hören können, was für eine wunderbare, große Stimme Sie haben, zum Beispiel in Calixto Bieitos Kult-Inszenierung der "Entführung".

Prohaska: Und der musikalische Leiter war schließlich Kirill Petrenko. Außerdem gab es schon immer großartige Stimmen, die von der Komischen Oper aus eine Weltkarriere gemacht haben. Gerade jetzt unter Barrie Kosky ist es so, dass sie längere Probenzeiten haben, bis zu acht Wochen, und da bleibt natürlich auch für die musikalische Seite mehr übrig.

Frau Prohaska, Sie sind eine Berliner Pflanze.

Prohaska: Ja, seit meinem zehnten Lebensjahr lebe ich hier, also schon 22 Jahre. Gerade habe ich meinen Vertrag an der Staatsoper verlängert, bin umgezogen, habe mich vergrößert und mir einen schallisolierten Raum zum Proben einrichten lassen. Vorher war das so ein Provisorium, jetzt habe ich ein Zuhause.

Aber Sie, Frau Bengtsson, könnten als freie Sängerin überall wohnen. Warum bleiben Sie in Berlin?

Bengtsson: Mein Mann ist Lehrer am John-Lennon-Gymnasium, und unser Sohn geht in die 5. Klasse. Wir fühlen uns in Prenzlauer Berg sehr wohl!

Sie beide haben Ensemble-Erfahrungen. Was ist das Tolle daran, fest an einem Haus zu singen?

Bengtsson: In meiner Zeit an der Komischen Oper 2002 bis 2007 habe ich so viel gelernt – in der Arbeit mit all den Regisseuren, Kirill Petrenko, den fantastischen Kollegen. Es ist einfach gemütlich, ein Zuhause, eine Familie.
Prohaska:
Jetzt bei "Le Vin herbé" ist es fast wie ein Theatercamp, weil das eine sehr physische Inszenierung von Katie Mitchell ist.
Bengtsson:
Ihr habt da so Aufwärmübungen.
Prohaska:
Genau. Weil wir viel tragen und umbauen müssen, machen wir ein Warm-up, eine Mischung aus rhythmischen Übungen, Atem und Sport. Das schweißt zusammen. Man lernt, körperlich einander zu vertrauen.
Bengtsson:
Ich muss sagen, dass mir das feste Ensemble-Leben fehlt. Als Freiberufler bin ich ein bisschen anonym, weil ich bei Gastspielen fast immer meine Familie mitnehme und dann nach der Probe nicht mehr mit in die Kneipe gehe, sondern zu meinen Kindern.

Ist die Staatsoper jetzt zu so einer Art zweites Zuhause geworden?

Bengtsson: Ich genieße es unglaublich, hier zu arbeiten. Die Ankleider kennen mich schon. Bislang gibt es eine Produktion pro Jahr. Natürlich wäre es toll, wenn es mehr wäre.

Nun bereiten Sie gerade Rollen für Wiederaufnahmen vor, die nicht zum Kernrepertoire der Oper gehören. Schwierig?

Bengtsson: Ich hätte ja 2014 schon zur Premiere die Governess in "The Turn of the Screw" singen sollen. Dann wurde ich schwanger, und Emma Bell ist eingesprungen. Es ist irrsinnig schwer, diese Musik zu lernen und innerhalb von neun Tagen auf die Bühne zu stellen. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass Inszenierung und Musik in mich reingesunken sind. Und es ist eine fantastische Rolle, sehr körperlich, voller musikalischer Nuancen und Ausbrüche.
Prohaska:
Für mich ist diese Musik so präsent, weil das damals meine allererste öffentliche Opernproduktion war. Ich will mir das jetzt unbedingt mit Dir anschauen.

Sie singen jetzt die Isolde!

Prohaska: Ja, in "Le Vin herbé". Ein unglaubliches Stück, die Musik schwankt zwischen Debussy, ein bisschen Wagner und Schönberg. Frank Martin hat eine Zwölftonmusik geschrieben, die eher impressionistisch wirkt. Der Chor kommentiert alles. Aus ihm treten die Solisten heraus.
Bengtsson:
Und Ihr baut auch die Bühne?
Prohaska:
Ja. Natürlich haben wir Requisiteure, aber wir müssen alles raustragen und umbauen.

Das klingt wirklich nicht nach Diva. Wie wichtig ist heute das Aussehen von Sängern und Sängerinnen?

Bengtsson: Schon wichtig. Es muss glaubwürdig sein, was man auf der Bühne macht.
Prohaska:
Die Frage klingt ein bisschen so, als ob es kein dickes Liebespaar geben könne. Dabei gibt es viele Sänger, die einen tollen Ausdruck haben, aber mehr Kilos auf den Rippen, als die Vogue erlaubt. Man braucht halt als Regisseur die Fantasie, das umzusetzen.
Bengtsson:
Und die richtigen Kostüme. Manchmal ziehen die einen an, dass es grauenhaft aussieht, mit kurzen Röcken bei richtig dicken Beinen – das geht einfach nicht.
Prohaska:
Jeder von uns hat seine Schwachstellen – Du natürlich nicht! Aber ich versteh nicht, warum manche Kostümbildner genau die Schwächen ausstellen wollen, anstatt die Stärken zu betonen.
Bengtsson:
Das meine ich. Das ist das Zeichen eines guten Kostümbildners.
Prohaska:
Das braucht viel Vertrauen. Kostümproben können anstrengend sein, wenn da jemand zwei Stunden lang an einem rumzuppelt ...
Bengtsson:
... und es wird einem schwindlig ...
Prohaska:
Da kann man sich schon vorstellen, wie es Supermodels geht, die nur als Objekte behandelt werden.
Bengtsson:
Schrecklich.
Prohaska:
Da sind wir als Sänger jedenfalls besser dran.


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