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01.02.2016

Berliner Morgenpost: Das Grips wird zur Arena für Pubertätssorgen

"Tag Hicks ..." stammt von der Berlinerin Kirsten Fuchs

Mit zwölf ist die Welt noch in Ordnung? Überhaupt nicht. Denn da gibt's Probleme, über die man als Erwachsener eher lächelt, die einem aber als Fast-noch-Kind und Halb-schon-Jugendlicher den Tag versauen. Hicks zum Beispiel, der eigentlich Lewin Hickelmann heißt: Eigentlich lebt er allein mit seiner Mutter. Aber plötzlich hat sein Vater wieder bei ihnen übernachtet. Und nun besteht die Gefahr, dass er wieder einzieht. Dabei haben sich seine Eltern früher nur gestritten. Ist doch "voll eklig"! Und auch sonst: Sein bester Freund Janis hat gerade nur Augen für Flieger-Rike, die Mitschülerin und Nachhilfelehrerin Valerie stinkt, der peinliche Lehrer stellt alle bloß.

"Tag Hicks oder fliegen für vier" heißt das Stück von Kirsten Fuchs. Entstanden ist es, weil die Berliner Autorin ("Mädchenmeute"), die in Moabit die Lesebühne "Fuchs und Söhne" betreibt, mit ihrem Entwurf die Jury des Berliner Kindertheaterpreises 2015 überzeugte: Als eine von vier durfte sie ihr Stück beenden – und gewann. Obendrauf gab es auch noch den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin, weil sie die Lebenswelt frühpubertärer Jugendlicher trifft, in einer lässigen Sprache voller Wortwitz und Sätzen, die wie der Realität abgelauscht klingen.

Regisseurin Grete Pagan entwickelt im Grips-Theater ihre Uraufführungs-Inszenierung aus dem Kinderspiel: Hicks und seine Mutter hauen zuerst auf Trommel und Pauke, dann kommen die anderen hinzu mit Fahrradklingel, Geige, E-Bass, Kuhglocke. In diesem musikalischen Improvisationsgeist entstehen die Szenen im leeren Raum: Bei Ausstatterin Lena Hinz sitzt das Publikum auf allen vier Seiten der Grips-Arena. Drinnen stehen nur vier Mikros, unter der Decke hängt ein Fahrrad, ein anderes steht kopfüber in einer Ecke und dient vor allem zum Geräuschemachen.

Hier ist alles Spiel, spontane Verwandlung, engagierte Behauptung. Einerseits ermöglicht der Raum eine große Beweglichkeit – die Schauspieler flitzen durch die Gänge, zwischen und hinter den Reihen lang, bauen am Ende selbst einen Dachboden auf. Andererseits müssen sie Gesten und Sprache ziemlich groß machen, um die Zuschauer auf allen vier Tribünen gleichzeitig zu erreichen. Was dazu führt, dass Fuchs’ feine Sprache manchmal wie ausgestellt wirkt und Pointen noch mit einem Ausrufezeichen versehen werden, wo ihr Reiz doch in der Beiläufigkeit besteht. Auch David Pagans Musik, die Fuchs’ sperrige Liedtexte nicht weniger sperrig vertont, gerät zu laut und dominant, sowie sie die Improvisation verlässt.

Daneben aber zeichnet das Grips-Team liebevolle Charaktere, die an ihren Rändern ruhig noch etwas uneindeutiger schillern könnten: Christian Gieses Hicks ist eine große Grinsebacke, die manchmal etwas zu lange auf der Leitung steht. Seine Mutter stemmt Bärbel Schwarz so liebevoll bestimmt wie emotional verunsichert hin. Jens Modalski trifft den jungenhaften Charme von Janis genau. Die Rätselhaftigkeit von Esther Agricolas strenger Flieger-Rike und Regine Seidlers verschlossener Valerie löst sich erst gegen Ende auf. Da ergibt sich so beiläufig wie charmant ein Happy End. Aber wir wissen ja: Die nächsten Pubertäts-Verwirrungen kommen bestimmt.


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