Archiv Referenzen

02.02.2016

Berliner Morgenpost: Anika Mauer zieht alle Register

„Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ im Renaissance-Theater

Von wegen Genie! Ein Flegel war dieser Goethe, als er nach Weimar kam: "Er war berühmt und ein Grobian", "er fluchte, wenn er nicht flennte, und wenn er nicht fluchte, flennte er". Wer aber hat ihm das ausgetrieben, wer ihn erzogen und zivilisiert, zur Arbeit angetrieben und zu Höchstleistungen inspiriert? Natürlich Charlotte von Stein, wer sonst!

Jedenfalls argumentiert sie selbst so in Peter Hacks Monodrama "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe". 1974 entstanden, trat es seinen Siegeszug um die halbe Welt an. Schon der Titel ist ein Witz, denn hier redet ausschließlich Charlotte von Stein. Die war in Goethes ersten zehn Weimarer Jahren seine (platonische) Geliebte, Muse, Ratgeberin, Briefpartnerin – ganz Weimar redete darüber. Bis Goethe überstürzt nach Italien abreiste. Bei Hacks rechtfertigt sie sich zunächst vor ihrem Gatten damit, dass ihre Beziehung ein Opfer an Weimar war (eine musste aus dem nachlässigen Goethe ja einen Staatsmann und Dichter machen). Dann verwickelt sie sich in Widersprüche, stolpert über ihre eigene Argumentation, um schließlich den Ehebruch anzukündigen: Sie will Frau von Goethe werden.

Hacks Stück ist vieles: Boulevardkomödie für Bildungsbürger, eine Goethe-Travestie voller abgewandelter Zitate und Anspielungen, vor allem aber: eine Glanzrolle für eine erste Schauspielerin. Die heißt hier Anika Mauer und ist ein kalkulierbares Wunder. Kalkulierbar, weil sie 2001 bis 2005 am Deutschen Theater als Viola in "Was ihr wollt" und als Elisabeth in "Maria Stuart" schon alle Register ihrer Schauspielkunst gezogen hat. Seit 2007 beweist sie am Renaissance-Theater regelmäßig, dass ihr keine Figur zu klein ist, um sich ihrer nicht allem Ernst und aller Kunst anzunehmen. Ein Wunder ist es dennoch, wie ihre Charlotte von Stein das Publikum knapp zwei Stunden lang bannt – über alle Huster hinweg.

Horst Vogelsang hat einen eleganten weißen Raum gebaut mit hohen Fenstern und einem Erker, der wie eine Apsis wirkt. Ein sakraler Gedenkraum mit einer Büste, die den jugendlich schönen Goethe als Fragment zeigt. Weil die Fensterläden immer geschlossen sind, hat das Ganze auch etwas von einer Geisterstunde – als würde die Stein hier jeden Tag wieder ihr persönliches Drama von der unerwiderten Goethe-Liebe aufführen.

Und zwar unter einer Perücke mit den allerliebsten Rokoko-Löckchen und in einem Kleid, das sich weit bauscht, mit seinem blassen Blumenmuster aber ins Heute weist. Schließlich ist diese Frau erstaunlich emanzipiert, eine Strippenzieherin, eine, die schließlich sogar bereit ist, alle Schicklichkeit und Standesgrenzen über Bord zu werfen, um ihr Ziel zu erreichen. Jugendlich wallt Anika Mauer herein, schlägt die Tür mit einem Hüftschwung zu, wirft sich mit durchironisiertem Pathos aufs Cembalo, das automatische Töne ausspuckt, zu denen sie durch den Raum tänzelt.

Schnell ist der Gatte vergessen, der vermeintlich im Erker in seinem Lehnstuhl sitzt. Da spielt eine ihr Leben und weiß genau, wo ihr Publikum sitzt. Für das rhythmisiert Anika Mauer Hacks' augenzwinkernd altertümelnde Sätze und Gedanken, dass Arien und Rezitative draus werden, herrliche Bögen zwischen lieblichem Gezwitscher und Sarkasmus-Abgründen im Bass. Da prallt Hessisch auf Sächsisch, da klingt die Liebe wie Lüübööö, da liest sie so spitz aus seinen Briefen, dass man Verletzungen wittert.

So zeigt Mauer eine Frau, die zwischen Koketterie, Frustration, Machtstreben und Selbstüberschätzung verbal die größte Niederlage ihres Lebens vorbereitet – Goethe macht ihr nicht den erwarteten reumütigen Heiratsantrag, sondern fühlt sich in Italien offenbar pudelwohl. Eine Frau, die als Archivarin ihrer eigenen Biografie für ihren Nachruhm sorgt, indem sie jeden einzelnen Goethe-Brief in einer ellenlangen Schublade aufbewahrt.

Regisseurin Johanna Schall folgt Hacks’ Text genau bis in die Akt-Aufteilung hinein. Nur Josias von Stein ist bei ihr keine ausgestopfte Puppe, sondern als Hut auf der Stuhllehne eine optische Täuschung. Schon im vergangenen Jahr war dieser Abend geplant, damals mit Dagmar Manzel. Annika Mauer ist kein Ersatz. Sondern eine Charlotte von Stein, die Goethe vielleicht nicht halten konnte – das jubelnde Publikum schon.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung