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01.02.2016

amnesty journal: #refugeeswelcome

Viele Theater in Deutschland bringen Fluchtgeschichten auf die Bühne und heißen Geflüchtete willkommen.

Nachmittags in der Gaußstraße, der Nebenspielstätte des Hamburger Thalia Theaters: Im so genannten Ballsaal sitzen gut 20 Leute an mehreren Tischen, reden auf Deutsch, Arabisch, trinken Kaffee, lachen. An Spieltagen wie heute dient der Raum als Foyer und Bar, mischen sich Flüchtende, Freiwillige und das Publikum. An der Wand steht ein improvisiertes Buffet mit Spekulatius und Mandarinen, daneben sitzt eine ältere Dame und übt mit einem Mann um die 40 die lateinischen Buchstaben. Zwei Männer spielen einander an einer Tischtennisplatte lässig den Ball zu. Die Stimmung ist gelassen, fast heiter. „Embassy of Hope“ heißt das Café, das für viele derjenigen, die als Flüchtende in der Unterkunft Schnackenburgallee untergebracht sind, der einzige Ort, ist an dem sie dem Lageralltag entkommen können.

Die „Embassy of Hope“ ist nur eines von unzähligen Projekten und Initiativen, die die Theater in Deutschland gerade auf die Beine stellen. Vor allem stemmen sie natürlich ihre Hauptaufgabe, zeigen ihr Repertoire, bringen neue Produktionen heraus, kümmern sich mit Einführungen und Diskussionen um ihr Publikum. Daneben aber mobilisieren ihre Mitarbeiter ein erstaunliches, oft ehrenamtliches Engagement, das durch seine flächendeckende Vielzahl und Vielfalt beeindruckt.

Über 60 Beispiele hat das Online-Feuilleton nachtkritik.de zusammengetragen – eine Liste, die sich ständig erweitert. Das Staatstheater Wiesbaden etwa öffnet einmal wöchentlich das „Café Fluchtpunkt“. Mit dem Projekt „Rede mit“ vermittelt es Sprach- und Kulturtandems. Das Theater der Altmark in Stendal engagiert sich in der Bewegung "Refugees Welcome" in unterschiedlichen Arbeitskreisen, hilft bei der Organisation von Fahrrädern, bei Amtsgängen und beim Deutschlernen. Zusammen mit einer Stendaler Migranten-Initiative konzipiert das Haus Länder- und Welcome-Abende im Theater, setzt öffentliche Aktionen wie Flashmobs und spontane Kundgebungen um und plant mit dem interkulturellen Theaterprojekt "Arche 2.0" für die nächsten fünf Jahre ein Demographie- und Migrationsprojekt. Das Theater Meiningen hat Geld für Flüchtlingsinitiativen gesammelt – und nach fremdenfeindlichen Kommentaren auf seiner Facebook-Seite Anfang Dezember den „Bürgersalon“ ins Leben gerufen, in dem über mögliche konkrete Hilfe, aber auch über die Vorurteile und Ängste der Meininger gesprochen wird.

Eines der ersten Häuser, die sich derart engagierten, war das Hamburger Thalia Theater. Seit es im September 2013 eine Urlesung von Elfriede Jelinks „Die Schutzbefohlenen“ organisierte, an der auch 80 Lampedusa-Flüchtlinge beteiligt waren, die in der Hamburger St. Pauli-Kirche Kirchenasyl gefunden hatten, steht das Thema auf der Agenda. Die Inszenierung kam unter der Regie von Nicolas Stemann 2014 beim Festival Theater der Welt heraus (amnesty journal 8/9 2014), wieder mit Flüchtenden auf der Bühne, wurde dann ins Thalia-Repertoire übernommen und 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Hamburg kam – anders als bei der Uraufführung – ein wichtiges Detail hinzu: Nun gibt es nach den Vorstellungen Tischrunden, an denen sich das Publikum mit den Beteiligten und Experten austauschen kann. Oft entstehen so hochemotionale Momente und intensive Diskussionen.

Seitdem sammelt das Theater nach allen Vorstellungen Geld für verschiedene Flüchtlingsinitiativen – bald werden 100.000 Euro zusammengekommen sein. Außerdem setzt sich das Thalia in mehreren Produktionen künstlerisch mit dem Thema Flucht und den Flüchtenden auseinander: In „’an,kɔmən. Unbegleitet in Hamburg" etwa erzählt Regisseur Gernot Grünewald die Geschichte von acht jungen Flüchtenden aus Pakistan, Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste. In kleinen Kammern bekommt der Anwesende fünf Minuten Einblick in ein Leben. So gibt das Thalia Theater abstrakten Zahlen und Gruppenbezeichnungen ein Gesicht, ohne diese Gesichter auf einer Bühne vor einem anonymen Publikum auszustellen.

Kunst hat auch in der „Embassy of Hope“ ihren Platz, die von den Theatermitarbeitern ehrenamtlich betrieben wird – „vom Kassenmitarbeiter über die Verwaltung bis zum Schauspieler sind alle Bereiche beteiligt“, wie Chefdramaturgin Julia Lochte erzählt. Neben Sprachunterricht, Rechtsberatung und Kochabenden gibt es Theater- und Kunstworkshops sowie Konzerte von Bands aus Flüchtenden, die in der Gaußstraße proben können. Das Geld dafür stammt aus Spenden. „Wir haben zunächst viele Gespräche mit Flüchtenden in der Schnackenburgallee geführt, um herauszufinden, welche Form von Engagement sinnvoll ist“, erzählt Lochte. „Dann haben wir begriffen: Es braucht einen Ort außerhalb des Lagers, wo die Leute mal was anderes sehen als immer nur die engen Wohncontainer und Zelte.“ Für die „Embassy“ arbeitet das Theater eng mit den Initiatoren anderer Hilfsprojekte und Flüchtenden zusammen, um möglichst nachhaltig zu wirken.

Wenn man mit den engagierten Theaterleuten spricht, bekommt man den Eindruck, als wären die Theater dankbar dafür, von den Flüchtenden aus ihrer reinen Kunstproduktion gerissen und ins gesellschaftspolitische Engagement geworfen zu werden, mitten hinein in die Realität. Möglich, dass ihre Arbeit auch gute Publicity fürs Haus ist. Kritik daran ist allerdings wohlfeil. Der bekannte Regisseur Michael Thalheimer spricht zum Beispiel in einem Interview davon, dass das Theater sich mit solchem Engagement abschaffe: „Es wird niemandem geholfen, es wird nur so getan. Und Theater verliebt sich dann in diese sozialen Projekte, die nichts anderes sind als eitle Pose.“

Ein zynischer Vorwurf. Denn die Theater gehen mit ihrem Engagement sehr wohl Risiken ein. Zum Beispiel die in Ostdeutschland. In Dresden, der Pegida-Stadt, setzt sich das Staatsschauspiel besonders vehement für eine offene Gesellschaft ein. Im Montagscafé bringt das Haus Geflüchtete und Dresdner in Workshops, Filmvorführungen, Diskussions- und Kennenlernrunden zusammen, bietet Deutschkurse an. Im "Club der geflüchteten und nicht geflüchteten Bürger" der Bürgerbühne proben Geflüchtete und Dresdner*innen und erarbeiteten unter professioneller Anleitung Werkstattaufführungen. Seitdem erhalten die Theatermitarbeiter Drohmails, und auf der Facebook-Seite des Hauses posten Menschen Sätze wie „Wir werden euch ausrotten“ – mit ihrem vollen Namen. Im September wurden Schülerinnen und Schüler des bundesdeutschen Schultheatertreffens der Länder, das im Dresdner Staatsschauspiel stattfand, von Pegida-Demonstrierenden attackiert.

Auch das Hamburger Thalia Theater hat die Folgen seiner Politik zu spüren bekommen: Anfang Dezember ließ der renommierte lettische Regisseur Alvis Hermanis eine für Februar geplante Inszenierung platzen, weil das Thalia sich mit einem „refugee-welcome center“ identifiziere. Er selbst argumentierte, wir befänden uns im Krieg, da müsse man sich für eine Seite entscheiden, und Flüchtlinge seien potentielle Terroristen. Intendant Lux konterte: „Das Thalia ist kein ‚refugee welcome center’, sondern ein Theater, das sich im Zentrum über seine künstlerische Arbeit definiert. Das soziale, humanitäre und gesellschaftspolitische Engagement ergänzt die Arbeit immer wieder. Aber es ersetzt sie nicht. Theater ist beides: ein Ort der künstlerischen Arbeit und ein öffentlicher Ort in der Stadtgesellschaft.“ Zum Glück sehen das viele Theater im Land gerade genauso.


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