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11.02.2016

zitty: Unterhaltung ist alles

Die junge Regisseurin Mina Salehpour lässt schwere Stoffe leicht erscheinen. Jetzt inszeniert sie mit "≈ [ungefähr gleich]" erstmals an der Schaubühne

Gibt es eine Unterhaltungs-Formel? Der niederländische Schokoladen-König Casparus van Houten forschte im 19. Jahrhundert nach ihr. Das jedenfalls behauptet Jonas Hassan Khemiri, schwedischer Dramatik-Exportschlager, in seinem neuen Stück „≈ [ungefähr gleich]“. Und lässt hochrechnen: Wer amüsiert sich gerade am heutigen Abend zu welchem Preis? Schon steckt man mitten drin im Ökonomie-Thema. Denn die fünf Figuren, die hier im Zentrum stehen, haben den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung längst verloren, träumen aber immer noch davon, in die höhere soziale Schicht aufzusteigen. Khemiri erzählt davon mit einem Witz, der bittersüß über dem Abgrund schwebt.

Was ist Unterhaltung für das Theater? „Das Wichtigste“, sagt Regisseurin Mina Salehpour entschieden, die „≈ [ungefähr gleich]“ gerade an der Schaubühne inszeniert. Um dann einzuschränken, dass man den Begriff natürlich definieren muss: „Ich zum Beispiel empfinde fünf Stunden Castorf als unterhaltsam. Am Ende entscheidet immer das Publikum.“ Und gibt es eine Formel? „Die müsste so individuell sein, also mit so vielen Variablen, dass sie vermutlich sinnlos würde.“

Salehpour muss es wissen. Die 31-Jährige ist Expertin dafür, Stoffe auf eine ebenso rasante wie anspielungsreiche Art auf die Bühne zu bringen. Am Grips-Theater etwa inszenierte sie „Über Jungs“ und „Der Gast ist Gott“: Da zitierte sie die Ästhetik von Computerspielen, Videoclips, Seifenopern und Bollywood. Und das mit wenigen, einfachen Mitteln. Man spürte den Spaß, den Salehpour und die Schauspieler dabei hatten, sich all die Szenen im Zeitraffer, voll Musicalschmelz, Slapstick und komischem Pathos auszudenken.

„≈ [ungefähr gleich]“ ist ihre fünfte Khemiri-Inszenierung – neben seinen Stücken hat sie zwei seiner Romane für die Bühne adaptiert. An seinen Texten schätzt sie, dass er sich humorvoll und berührend seinen großen Themen nähert, die er parabelartig auf individuelle Geschichten runterbricht. Und natürlich seinen Witz, sein Tempo. „Das kommt meiner Art zu inszenieren sehr entgegen“, sagt sie. Ebenso wie seine so leichthändig wie komplex verknüpften Plots voller Assoziationen und Querverbindungen. Salehpours Inszenierungen greifen oft filmische Mittel auf, überdrehen die Handlung, arbeiten mit Slapstick und betonen den Ping-Pong-Charakter der Dialoge. Das hängt mit Salehpours Fernseh-Gewohnheiten zusammen: „Ich bin eine große Sitcom-Guckerin.“ Aber auch mit der Gegenwart: „Ich lebe im Jahr 2016 und benutze beim Inszenieren, was um mich herum passiert.“

Mit Khemiri verbindet sie auch noch etwas anderes: das Migrationshintergrund-Label. Khemiri hat einen tunesischen Vater, Salehpour wurde im Iran geboren, ihre Eltern flohen mit ihr 1996 nach Deutschland. 2007 bis 2009 war sie Regieassistentin in Frankfurt, danach in Hannover, währenddessen entstanden erste Inszenierungen. „Am Anfang hat mir das Label Multikulti bestimmt geholfen“, sagt sie. „Aber ich arbeite jetzt seit sechs Jahren in diesem Beruf, ich hoffe, dass die Qualität entscheidend ist.“ Bestand jemals die Gefahr, in die Schublade weiblich und postmigrantisch gesteckt zu werden? „Ich arbeite ja mit bestimmten Häusern regelmäßig zusammen. Die wissen mittlerweile, dass sie mit allen möglichen Themen bei mir ankommen können, aber bei manchen mit einem ironischen Blick rechnen müssen: Seriously?“

An der Schaubühne hat Salehpour bislang eine kleine Werkstattinszenierung beim F.I.N.D.-Festival 2014 gemacht, die nur bedingt zündete. Mit „≈ [ungefähr gleich]“ stehen die Chancen gut, dass sie jetzt eine Punktlandung hinlegt.


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