Archiv Referenzen

09.02.2016

Berliner Morgenpost: Kreuzberger Schüler reiben sich an Coppolas Mafiafilm

Theaterprojekt "Die Paten" im Studio des Heimathafens

Paten sind ja gerade wieder in. Nämlich jene, die sich ehrenamtlich um Flüchtende kümmern, ihnen den Alltag vor Ort erklären, mit ihnen die Post durchgehen, sie aufs Amt begleiten. Viele Paten merken schnell, dass sie selbst mindestens so viel lernen wie ihre "Patenkinder". So ähnlich muss man sich auch vorstellen, was in "Die Paten" im Studio des Heimathafens passiert. Da sitzen Frank Oberhäußer von der Performance-Gruppe Turbo Pascal und der 17-jährige Schüler Alper Yildiz nebeneinander auf Drehstühlen. Oberhäußer ist 38 und hat mit Schülern der Kreuzberger Hector-Peterson-Schule mehrere Theaterprojekte gestemmt. Bei "Weissagungen" begegnete er Yildiz. Beide sprachen über ihre Begeisterung für Francis Ford Coppolas "Der Pate"-Trilogie. Und Yildiz hatte die Idee, daraus einen Abend zu machen.

Im Kern ist "Die Paten" typisches biografisches Dokutheater: Frank und Alpar fragen einander aus, gleichen ihre Positionen ab, suchen nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Die sind erst mal optisch: Beide tragen ihr gelocktes halblanges Haar im Zopf, thronen patenhaft in ihren Sesseln und taxieren einander aus den Augenwinkeln mit langen Blicken. Schließlich geht's in diesem sympathischen 70-Minuten-Abend ja auch um die Filmtrilogie über die italienische Mafia in New York. Und damit um Männlichkeitsbilder, Gewalt, Familie. Frank wäre gerne der alte Pate, Alpar der junge, aber dann schieben sie sich gegenseitig die Nebenrollen zu: Alpar etwa lässt Frank die Mamma Corleone spielen, während Frank Alpar die Rolle des "Türken" zuschiebt: "Liegt ja auf der Hand, dass du das spielst."

Oberhäußer zitiert eine Studie über Migration, die sich auf alle Jahrhunderte anwenden lasse, also auf die Hugenotten in Berlin wie auf die Italiener in New York und die Türken in Deutschland: Ab der 3. Generation emanzipieren sich die (Post-)Migranten von ihren Vorfahren, werden Künstler oder Anwälte. Alpar, dessen Großvater als "Gastarbeiter" aus der Türkei kam, denkt zwar auch über eine Theaterkarriere nach, will aber doch lieber ins Management und rechnet vor, wie er da langfristig auf 10.000 Euro im Monat kommt – netto. Man will sich gar nicht vorstellen, was der Performer Frank so im Monat zusammenbekommt. Ähnlich verschieden das Frauenbild: Wenn Alpar die perfekte Frau als eine definiert, die kaum spricht, dann zuckt man schon ordentlich zusammen.

So ergeben sich Zusammenstöße auf Augenhöhe, abgefedert durch kleine Choreografien. Ob das wirklich ihre Meinungen sind oder Stellvertreterkriege, bleibt offen. Harter Tobak ist auch der Schluss. Da bitten Peterson-Schüler im Video den Paten um Hilfe: gegen den Syrien-Krieg. Gegen Diktatoren im Herkunftsland. Gegen fiese Facebook-Kommentare. Die Sehnsucht nach einer Persönlichkeit, die die Probleme löst, und sei es mit Gewalt, scheint universell.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt