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23.02.2016

Berliner Morgenpost: Der Kapitalismus, der alte Schlawiner

"Ungefähr gleich" in der Schaubühne: Mina Salehpours inszeniert ein Stück über die Ökonomisierung des Lebens

Wie viel ist Unterhaltung wert? Die Frage ist ein kulturpolitischer Dauerbrenner, aber jetzt gibt es endlich auch die Formel dazu: ux + r + z. Gut, das ist nicht ganz ernst gemeint von Jonas Hassen Khemiri, der sie in seinem neuen Stück "≈ [ungefähr gleich]" erfinden und weiterentwickeln lässt. Sehr ernst gemeint hingegen ist die Frage nach der Ökonomie, die sich noch in die kleinste Beziehungsritze zwängt. Ausgerechnet die Konsum-"Aussteiger" erweisen sich dabei wie besessen von Geld und seinem Gegenwert, der titelgebenden ungefähren Gleichung. Und wann haben Sie zum letzten Mal durchgerechnet, was Sie sich gerne leisten können würden?

Der schwedische Dramatiker Jonas Khemiri ist seit "Invasion!" ein Garant für kluge, witzige Stücke. Scheinbar locker verzahnt er in ihnen Schicksale, die er zunächst hochtourig in die Komik treibt, um sie dann böse und wahr zu erden. Auch jetzt wieder, wo eine Handvoll Menschen versucht, sich mit geringen Mitteln durchzuschlagen: Wirtschaftswissenschaftler Mani will das kapitalistische System von innen heraus zerstören. Seine Frau Martina träumt vom Selbstversorger-Bio-Bauernhof und jobbt in einem Tabakladen. Dort kommt auch Andrej unter, nachdem er trotz Abitur und Ökonomiekurs bei der Jobsuche scheitert. Bettler Peter ist relativ erfolgreich, weil er sämtliche Verkaufsstrategien auf sein Ein-Mann-Unternehmen überträgt. Und Freja hilft ihrem kleinen Glück mit ziemlich rabiaten Mitteln nach.

Dass man hinterher noch lange über wirtschaftliche Zusammenhänge und das eigene Verhältnis zu Konsum und Geld nachdenkt, liegt wesentlich auch an Mina Salehpours Inszenierung im Schaubühne-Studio. Schon am Grips-Theater hat sie mit "Über Jungs" (Faust-Preis) und "Der Gast ist Gott" bewiesen, dass sie spielerischen Witz voller popkultureller Anspielungen kann.

Jetzt schnippeln vier Hamsterbacken (oder sind's Mäuse? würde ja auch passen) Goldfolie zu Konfettiflitter, was an sich schon ein schöner Kommentar ist zum Wert des Geldes – das Papier an sich kann's nicht sein. Auch wenn die vier Schauspieler in Dollaranzügen beim Ritt durch die gut 20 Rollen zunächst auf der (von Khemiri so angelegten) glitzernden Karikaturenwelle reiten, schleichen sich dann doch schon bald erste Erschöpfungsränder in ihre hysterische Gute-Laune-Aufgekratztheit.

Herrliche Miniaturen sind das, wenn Renato Schuchs Optimismus grinsender Mani behauptet, sie hätten doch genug, während sich Iris Bechers tussige Martina gedanklich längst ins Biotraumland verabschiedet hat und ihre Beziehung im Zeitraffer bröckelt. Oder wenn Bernardo Arias Porras uns mit aufs Arbeitsamt und später mit in die Konfettifabrik nimmt, beides mentale Knochenmühlen – eine ebenso kluge Regievolte wie die Entscheidung, Frejas Monolog an einem Stück zu spielen. Hier, wenn uns die großartige Alina Stiegler (die auch als kleiner Bruder und als Teufelchen in Martinas Ohr glänzt) konzentriert und scheinnaiv aufs moralische Glatteis führt, wird der Abend rabenschwarz vor Gier.

Ein Abend, der die Formel für die vollkommene Verschmelzung von Unterhaltung und gedanklichen Widerhaken gefunden hat – und einen lange nicht loslässt.


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