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22.03.2016

Berliner Morgenpost: Kunstblut ist ein ganz besonderer Saft

Regisseur Antú Romero Nunes zeigt an der Komischen Oper Heinrich Marschners selten gespielte Oper "Der Vampyr". Der Grusel bleibt aus.

Kunstblut ist ein besonderer Saft, der auf Opernbühnen häufiger anzutreffen ist. Irgendwer stirbt ja immer. An der Komischen Oper fließt er jetzt besonders reichlich, denn hier hinterlassen dutzende (Un-)Tote ihre rote Spur. Ganz so drastisch ausgepinselt hatte sich das Heinrich Marschner vermutlich nicht vorgestellt, als er seine 1828 uraufgeführte romantische Schaueroper "Der Vampyr" komponierte. Da sterben nur zwei junge Frauen, die Opfer des Titel-Antihelden werden. Mit "Dracula" hat die Sache weniger zu tun als mit dem "Freischütz": Um sein Leben um ein Jahr zu verlängern, muss Lord Ruthven dem Teufel drei jungfräuliche Bräute opfern. Dafür hat er 24 Stunden Zeit. Bei zweien geht das noch gut. Aber an Malwina beißt er sich die Zähne aus. Denn die erweist sich schon mit ihren Belcanto-Koloraturen als Frau von Format. Außerdem liebt sie Aubrey, lässt sich also nicht so leicht um den Finger wickeln.

Weil Marschner sich auch musikalisch intensiv an Carl Maria von Weber, aber auch an Wolfgang Amadeus Mozart abarbeitet (vor allem am "Don Giovanni") und Richard Wagner sich viele von Marschners originären Ideen einverleibt hat, gilt "Der Vampyr" als Zwischenwerk. Dass die Oper selten gespielt wird, dürfte aber auch mit seinem kruden Thema zu tun haben und mit dem Libretto Wilhelm August Wohlbrücks. Wie im "Freischütz" gibt es gesprochene Dialoge, außerdem reimen sich die Verse unfreiwillig komisch. Das, was damals gruselte, ist heute allenfalls ein Ironielächeln wert.

Dabei hat Marschners Musik Potential. Gerade wenn er zuspitzt, wenn die Ouvertüre aufbraust, wenn die Rhythmen umschlagen, Idyllen ins Nachtschwarze kippen und die Piccolo-Flöten schrillen, dann ist das ziemlich effektvoll. Aber auch einzelne Nummern packen, etwa die "große Szene" im zweiten Akt: Ruthven hatte Aubry mal das Leben gerettet und ihn nun dazu verpflichtet, 24 Stunden lang die Klappe zu halten – andernfalls wird er selbst zum Vampir. Jetzt malt er ihm zu fahlen Posaunen und peitschenden Streichern eindrücklich aus, was ihm droht, wenn er den Schwur bricht – und zeichnet ein Selbstporträt, dass Ruthven tragische Größe verleiht.

Regisseur Antú Romero Nunes kommt vom Sprechtheater, hat sich seinen exzellenten Ruf am Berliner Gorki-Theater unter Armin Petras erarbeitet und inszeniert seitdem an den ersten Häusern zwischen Wien und Hamburg. Sein Operndebüt gab er letztes Jahr an der Münchner Staatsoper, wo er Gioachino Rossinis "Guillaume Tell" gegen den Strich bürstete, aber die Struktur des Werkes unangetastet ließ.

Beim "Vampyr" hat er – zusammen Dramaturg Ulrich Lenz – die im Sprechtheater übliche Schere angesetzt und eine radikal bearbeitete Fassung erstellt. Viele Dialoge, zahlreiche Nummern und Personen sind gestrichen, der Rest wurde neu sortiert und von Johannes Hofmann um neues Material ergänzt. Das funktioniert hervorragend, auch, weil sich Antony Hermus am Pult und das Orchester der Komischen Oper alle Mühe geben, die musikalisch so unterschiedlichen Texturen organisch miteinander zu verschmelzen (auch, wenn's oft zwischen Graben und Bühne klappert): Einerseits spitzen sie Marschners Grusel-Sound schrill zu, andererseits kosten sie schwelgerisch das dumpfe Raunen in Hofmanns Clustern und Dissonanzen aus.

Das macht die Oper, die im Original drei Stunden dauert, in dieser 90-Minuten-Version tatsächlich drängender, spannender, grusliger. Aber nicht gar so gruselig, wie sich das Nunes im Programmheft-Interview wünscht und auf der Bühne mit viel Kunstblut umzusetzen versucht. Der Chor ist bei ihm durchgängig ein Heer aus Zombis, die klischeehaft wackeln und zucken, in ihrer Uniformität aber wie eine erweiterte Kulisse wirken. Für die hat Matthias Koch ein paar tolle Bilder geschaffen: Eine riesige stilisierte Fledermaus mit Hexenküchen-Sanduhr und magischem Schrank, später vervielfältigt sich das Opernportal wie in einem Spiegelkabinett und fängt auch noch an zu taumeln.

Hier greift Nunes tief in die Trickkiste, um ein paar Kino-erprobte Schockeffekte einzubauen: Wie aus dem Nichts erscheint der Vampyr, ein bleicher Fleischkloß mit merkwürdig strähnigem Seitenscheitel, um sich aus der ersten Reihe eine junge Frau zu krallen, ihr das Gesicht abzureißen und ihre Gedärme auszuweiden. Ist natürlich alles Verabredung und Theater, weshalb die Action auf der Bühne eher belustigt als gruselt. Je länger der Abend dauert – und er fühlt sich länger an, als er ist – bleiben vom starken Ansatz nur noch Splatter und Trash übrig.

Was umso mehr auffällt, als Nunes den singspielhaften Momenten der Oper nicht traut und den Konflikt zwischen Malwina und ihrem Vater, der sie direkt in die Arme des Vampyrs treiben will, als Dreiecksklamotte inszeniert. Treffender wirkt der Versuch, Emmy, die Tote Nummer zwei, als Opfer ihrer Lust darzustellen. Das größte Problem des Abends allerdings ist, dass die vielen Nummern und Szenen nicht zwingend zusammengehen. Anders in der Musik, wo zwei Welten kongenial miteinander verschmelzen, zerfällt die Erzählung in Nummern und Bilder, obwohl das Regieteam mit der Neufassung alle Möglichkeiten hatte.

Auch musikalisch ist der Abend keine Ehrenrettung für Marschner. So richtig finden die Sänger nicht in ihre Rollen, dürfen sich als Charaktere nicht entwickeln. Nicole Chevalier etwa singt die Koloraturen der Malwina zwar technisch schwindelerregend sicher. Aber sie glänzt nicht, was vielleicht daran liegt, dass sie zugleich als Mischung aus Carmen und Papagena über die Bühne jagen muss. Heiko Trinsinger, der anfangs in seiner Riesenrolle verloren wirkt, ersingt sich erst in der Warnung Aubrys dramatischen Ausdruck. Zoltán Nyári bleibt als spleeniger Engländer vokal charakterlos, Maria Fiselier bekommt kaum Raum, um mit ihrer Emmy Akzente zu setzen.

Diese Blässe scheint etwas mit der Frage zu tun zu haben, was der Abend eigentlich erzählen will. Nunes will unsere bürgerliche Angstlust kitzeln, auch, um diese Ängste (etwa vor den fremden Massen) zu überdenken. Leider gibt's dazu zu wenig Angst. Und zu wenig Lust.


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