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13.03.2016

Berliner Morgenpost: Der Muttertyp? Die Intellektuelle? Die Verführerin?

... und mittendrin ein Mann, der sich nicht entscheiden kann: "Feinde" im Gorki-Theater

Nein, es ist nicht leicht, als Mann zwischen drei Frauen zu stehen. Immer abgehetzter wirkt Herman Broder, übernächtigt, mit eingefallenen, unrasierten Wangen. Irgendwann kommen auch noch Zuckungen hinzu, die durch seinen Körper fahren. Immer, wenn er sich gerade irgendwo niederlässt, muss er schon wieder los. Dann drückt er sich den Hut tief ins Gesicht, schaut noch undurchdringlicher als sonst und irrt zwischen den Podesten umher, die in verschiedener Höhe die Bühne beherrschen – hin zur nächsten Frau.

Ein Unbehauster, Heimatloser ist Herman Broder in Isaac Bashevis Singers großartigem Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“, der 1966 in jiddischer Sprache erschien, 1972 dann als Buch auf Englisch. Und zwar in mehrfacher Hinsicht: als Überlebender der Shoah, als jüdischer Pole in New York, der den Glauben und die Hoffnung verloren hat, aber zu feige ist, sich umzubringen, wie er selbst sagt. Heimatlos pendelt er zudem zwischen drei Frauen: Yadwiga, das schlichte polnische Dienstmädchen, das ihn drei Jahre lang vor den Nazis versteckte und das er aus Dankbarkeit heiratete. Masha, seine Geliebte, auch sie eine Holocaust-Überlebende und Femme fatale, immer am Abgrund. Und Tamara, seine todgeglaubte erste Frau, klug und spöttisch, die plötzlich in New York auftaucht und mit der er sich während ihres gemeinsamen Lebens nur gezofft hatte.

Zunehmend wird es für Herman schwieriger, diese drei Beziehungen zu jonglieren. In den gut 250 Romanseiten ebenso wie auf der Bühne des Gorki-Theaters, wo Yael Ronen die Geschichte in pausenlosen zwei Stunden erzählt. Die Regisseurin wurde gerade zum zweiten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen, mit „The Situation“, ebenfalls am Gorki.

Seit Shermin Langhoff und Jens Hillje 2013 das Gorki-Theater übernahmen, ist Ronen hier Hausregisseurin, die mit spielstarken, dialektisch verwirrenden und so komisch wie emotionalen Abenden überzeugt. Gleich ihr Einstand war eine Romanadaption, „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa, die erfrischend frei mit der Vorlage jonglierte und lässig zwischen Erzähl- und Bühnenebene pendelte.

Diese ironische Distanz, die ja auch alle ihre Stückentwicklungen prägten, wirkt in „Feinde“ zunächst wie weggeblasen. Aus Singers Roman hat sie ein reines Dialog-Stück gemacht, das ziemlich broadwayrealistisch abläuft. Heike Schuppelius’ Bühne mit ihren vielen kühlen Plattformen, die mit Leitern verbunden sind, erinnern an die New Yorker Feuertreppen, stehen aber auch die Wege, die Herman zwischen seinen Frauen und dem Rabbi zurücklegen muss, für den er als Ghostwriter Reden und Bücher schreibt. Manchmal flackern blasse Videos auf, Erinnerungen, Alpträume: geisterhaft weiße Kinderfiguren auf einer Schaukel, vielleicht Hermans und Tamaras ermordete Kinder; die flackernden Lichter einer vorbeirauschenden U-Bahn; hinten erscheint immer wieder die kopflose Silhouette eines breitbeinigen Mannes.

So, wie auch Aleksandar Radenkovićs Herman immer mehr den Kopf verliert beim Versuch, zwischen seinen Frauen zu vermitteln, weil er sie alle braucht, sich nicht entscheiden kann. Er, der Schopenhauer-Fan, der längst den Glauben verloren hat, sucht seine Geborgenheit bei den drei weiblichen Prototypen: der Verführerin, der Hausfrau und Mutter, der intellektuellen Partnerin.

Dass sie mehr sind, als das, was er in ihnen sieht, machen die Gorki-Schauspielerinnen deutlich: In Orit Nahmias’ blondbezopfter Yadwiga brodelt zunehmend die Verzweiflung, Çiğdem Tekes Tamara funkelt ironisch und hat als einzige den Durchblick, und nur Lea Draegers Masha übertreibt es etwas mit ihrer Hysterie zwischen Erotik und Todessehnsuchtsgekeife. Großartig wiederum Ruth Reinecke als Mashas Mutter Shifrah Puah und später als Mashas Ex-Mann Leon: hier die aufdringliche, bis zum Zynismus desillusionierte Mutter, die dennoch symbiotisch mit ihrer Tochter verschmilzt. Dort der schmierige, aber äußert fein gezeichnete Lügner, ein verkommenes Spiegelbild des ebenfalls dauerflunkernden Hermans.

Sie alle bewegen sich in erstaunlich konventioneller Luft, einem Realismus zwischen Spitzendeckchen und Wählscheibentelefonen. Oft wirkt der Abend, als bremste Ronen ihn bewusst aus, als ließe sie Komik nur für Momente zu, während im Hintergrund Daniel Kahns Free Jazz für einen apokalyptischen Soundtrack sorgt. Schließlich geht es hier um lauter beschädigte, traumatisierte Seelen. Einmal antwortet Tamara auf Hermans Frage, ob sie noch einmal Kinder wolle: „Für was? Damit die Deutschen jemanden zum Verbrennen haben?“

Das macht den Abend ernst. Und zuweilen fad, weil Ronen Singers Geschichte als konventionellen Reigen gehetzter Szenen abklappert. Das New York der Emigranten, die Hitze der Stadt, die jiddische Parallelwelt, von denen der Literaturnobelpreisträger Singer erzählt, aber auch Hermans philosophische Gedanken kommen nur in den Songs des Musikers Kahn vor. Wenn er am Akkordeon, unterstützt von Klarinette und Schlagzeug, seine Lieder auf Englisch, Jiddisch und Deutsch singt, dann müssen diese Sprachwitz-Meisterwerke des ironischen Kommentars all das nachholen, was Ronen verweigert. Immer wieder findet er Formeln, die den ganzen Abend auf den Punkt bringen: „Wie Überleben nach dem Überleben?“

„Feinde“ ist kein großer Abend. Und doch erzählt er eine wichtige Geschichte. Mal wieder ist das Gorki-Theater Avantgarde, weil es das Thema Flucht und Vertreibung weiterdenkt, von den Folgen erzählt. Einmal sagt Tamara bissig: „Die ganze Welt will nach Amerika. Würde Amerika die Grenzen aufmachen, würde hier bald niemand mehr Englisch sprechen.“ Äußerlich sind die Emigranten perfekt angepasst, wovon vor allem die detailfreudigen Kostüme Amit Epsteins und die aufwendigen Frisuren erzählen, die die Frauen genau charakterisieren. Aber innerlich tragen sie schwer an ihren Traumata. Nichts ist in „Feinde“ aktualisiert. Und dennoch trifft der Abend das Heute, weil er Flüchtende als Ankommende zeigt, als Menschen mit einer je höchst individuellen Geschichte. Man muss nur zuhören.


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