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03.04.2016

Berliner Morgenpost: "Heute Nacht oder nie" beschwört das Berlin der 20er-Jahre

Die Komische Oper erinnert mit der Revue "Heute Nacht oder nie" an den Komponisten Mischa Spoliansky, brennt aber kein Feuerwerk ab.
 

Am Anfang seufzt es leise von der Platte, am Ende singen's alle: "Heute Nacht oder nie", die große Schmachtmelodie der späten Weimarer Republik, ein Welterfolg mit tenoralen Seligkeitsschluchzern. Und jetzt auch der Titel einer Revue, die die Komische Oper dem Komponisten Mischa Spoliansky widmet. Den kennt man vor allem von Marlene-Dietrich- und Ute-Lemper-Aufnahmen, hin und wieder werden seine Kabarett-Revuen wie "Zwei Krawatten" und "Es liegt in der Luft" (gerade als Kinderprojekt an der Staatsoper) gespielt.

Aber ein nachhaltiges Comeback des russisch-jüdischen Komponisten mit Berliner, später internationaler Karriere (auch bedingt durchs erzwungene Exil) hat es nie gegeben, obwohl er – gerade zusammen mit dem kongenialen Textdichter Marcellus Schiffer – den ironiesatten Soundtrack der wilden Berliner 20er schuf mit Liedern wie "Alles Schwindel" und "Ich bin ein Vamp". Oder mit dem schwülen Boston-Waltz "Morphium" von 1920, zu dem Anita Berber ihre Skandal-Performance "Kokain" tanzte.

"Morphium" fehlt natürlich auch in dieser Revue nicht, die Regisseur Stefan Huber und Dirigent Kai Tietje einerseits um einige der schönsten Spoliansky-Titel gestrickt haben. Anderseits um die Geschwister Pfister, Berlins ältestes Comedy-Trio. Die Geschichte ist nicht der Rede wert, die zugespitzten Charaktere wirken hingegen wie ein Bilderbogen der Berliner Halbwelt: Die Hure liebt den Bonzen, wird aber von der Lesbe begehrt, der Provinzler liegt dem Fräulein zu Füßen und der Taxifahrer will vor allem seine Ruhe.

Die Lesbe ist hier Christoph Marti (alias Ursli Pfister) mit Bubikopf und Bittermiene, die sich (wie sonst Ursli) immer in den Vordergrund drängt. So wird "Morphium" als Berber-Travestie auch zu einem Höhepunkt: Mit Bubikopf, Drogen-flirrenden Augen und halbnackt im Kleid windet sich Marti verzückt, um am Ende verstört unterm Flügel durchzukriechen. Das ist eigentlich keine große Nummer. Aber in seiner unbedingten Schrägheit dann doch ein wohltuender Hingucker.

Die 80 swingenden Minuten um die kleine Showtreppe inmitten des fabelhaften Orchesters der Komischen Oper, das Kai Tietje vom Flügel aus durch seine oft großen Arrangements lotst, sind insgesamt nämlich etwas brav und routiniert geraten. Jeder hat hier seine Momente, Andreja Schneider mit ihrem herzzerreißenden, an Brecht erinnernden "Hurensong", Tobias Bonn (alias Toni Pfister) im Fatsuit, Stefan Kurt als zunehmend entfesselte Büroklammer, Christoph Späth als meckernder Chauffeur. Auch das Liebespaar ist wunderbar besetzt, weil Mirka Wagner mühelos mit Koloraturen prunkt und kokett die Augen aufschlägt, während der junge Tenor Johannes Dunz sich schmelzsatt als gute Partie empfiehlt.

Immer wieder finden sie sich zu überraschend arrangierten Duetten, Terzetten und großen Nummern zusammen, unterstützt von den vier "Girls", die singend und steppend eine Klasse für sich sind. Das ist schon toll, oft äußerst witzig, auch charmant – aber kein geistreiches Feuerwerk wie die besten Spoliansky-Songs. Die Messlatte hat die Komische Oper selbst hoch gehängt mit Abenden wie "Eine Frau, die weiß, was sie will" und "Die Zirkusprinzessin", Champagner-Projekte mit Abgründigkeits-Lidschatten. Gerade am Abgründigen aber spart dieser freundliche Abend, der auch den Pfister-Drive erst in "Wenn die beste Freundin" findet – und da ist der kurze Abend fast schon wieder vorbei.


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