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14.04.2016

Berliner Morgenpost: Der Heimathafen floppt mit seiner Heimatlosen-Revue

"Wandering Stars" in Neukölln

Irgendwann raschelt träge ein Monster aus weißen Plastiktüten durchs Bild. Es ist ein Eisbär, Knut vielleicht. Er zuckelt einmal durchs Publikum, quer über den Europlatten-Parcours auf der Bühne, geht dann nach hinten ab und kehrt auch nie wieder. Ein Bilderrätsel von vielen in „Wandering Stars“: Lauter schräge Figuren ziehen ihre Kreise in dieser „Heimatlosen-Revue“, ein Mann in Kleid und Motorradhelm, eine Möchtegern-Prinzessin im Rüschenfummel, ein Typ mit muschelförmigem Sandkasten-Förmchen am Basecap.

Heimatlosigkeit ist ein lohnendes Thema – man muss nicht mal bis zu den Flüchtenden denken, um da in Berlin fündig zu werden. Gerade in Neukölln kann es einem passieren, dass man im Café nur mit Englisch oder Spanisch weiterkommt. Also denkt man sich: Junge, vom Bezirk geförderte Theatergruppe im Neuköllner Heimathafen, der ja immer wieder Hits produziert wie neulich erst die „Paten“, den Dauerbrenner „Arab Queen“ im Programm hat und die berührenden Asyl-Mono- und Dialoge, mit dem Thema – das könnte was werden.

Könnte. Denn Wer ist Jack?, eine Gruppe, die verspricht, auf alles eine Frage zu haben und das dazugehörige Satzschlusszeichen zum Logo gemacht hat, will sich gar nicht besonders konkret der Heimatlosigkeit im Großstadtdschungel widmen. Sondern ältere Texte des Autorregisseurs und Gruppen-Gründers Christian David Fischer herzeigen, Monologe, die nebelig von Befindlichkeiten raunen, aber in diesem Ungefähren keine Charaktere oder interessante Situationen zusammenbekommen.

Dazu gibt’s viel Musik, zunächst Pop aus der Konserve, später live als Klangspur erzeugt, zu der die Diskokugel über den Köpfen der insgesamt acht Performer kreist, die aussehen, als hätten sie sich wahllos im Second-Hand-Laden eingekleidet. Einige tragen drunter noch Badesachen, als träumten sie vom Meer. Klar, unterm Pflaster liegt der Strand, auch in Neukölln, wo ein Wutbürger sich über den Nachbar auf dem Balkon gegenüber aufregt, eine verzweifelte Arbeitssuchende von der Karriere träumt und eine Animateurin hinter der Fröhlichkeitsfassade seelisch bröckelt.

Das hat mit Berlin und Heimatlosigkeit nur sehr bedingt zu tun. Alles bleibt Behauptung, in den Texten, im Spiel, in den vielen Verweigerungsmomenten, in denen gar nichts passiert oder nur die Boxen dröhnen. Man fühlt sich ein bisschen wie um die Jahrtausendwende, als die freie Szene der Stadt noch nicht so wohlgeordnet war wie heute und man in Klitschen die Stars von morgen entdecken, aber genauso gut ein Desaster erleben konnte. Ach, wenn der Abend doch wenigstens einen Skandal gewollt oder aus seinen Dilettantismus stolz Funken geschlagen hätte! So bleibt vor allem die neblige Erinnerung daran, dass sich 70 Minuten sehr, sehr lang anfühlen können.


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