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07.04.2016

nachtkritik.de: "Macht uns zum Staatstheater!"

Inklusionstheater II – Mehr zum Status Quo des Theaters im Umgang mit Behinderung auf der Bühne, vier Jahre nach "Disabled Theater"

Was ist eigentlich gelungenes Inklusionstheater? Beispiel 1: "Ich bin ein Volumenjoker" von SEE! mit zwei Musikern von Barner 16 aus Hamburg. Da steht das Publikum in einem dunklen Raum. Inmitten der Menschen raschelt, schabt, klackt und wispert es, schwellen die Geräusche zum großen Gesang an. Später wird es heller, man erfährt, wer Publikum ist und wer Performer. Welche der sechs Performer als behindert gelten, erfährt man nicht. Beispiel 2: Prinz Friedrich von Homburg am Staatstheater Darmstadt in der Regie von Juliane Kann. Den Homburg spielt Samuel Koch. Dass Koch im Rollstuhl sitzt, macht Kann zu einem Leitgedanken der Inszenierung. Sein Abstieg durch die Akte, vom Pferd über den Stuhl zum Kerkerboden, wird erst aufgehalten, als er Verantwortung übernimmt und das Todesurteil akzeptiert. Jetzt sitzt er im Rollstuhl – und kann sich zum ersten Mal selbstständig bewegen.

Zwei Beispiele von vielen, die zeigen, wie man auf dem Theater mit Behinderung umgehen kann: sie entweder so zu inszenieren, dass sie keine Rolle spielt. Oder sie gerade so zu inszenieren, dass sie auch konzeptionell eine Rolle spielt. Sie demonstrieren zudem eine neue Normalität: SEE! ist ein Kölner Performancekollektiv, das bislang nicht durch inklusive Projekte aufgefallen ist. Das Staatstheater Darmstadt wiederum ist seit 2014 das erste deutschsprachige Stadttheater, das zwei körperbehinderte Schauspieler*innen fest im Ensemble hat – neben Samuel Koch auch Jana Zöll.

Wahnsinnig viel hat sich getan seit 2012, als ich einen ersten Blick auf inklusives Theater warf. Damals erschien es noch äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Stadttheaterrealität ändern würde, nur weil Sebastian Hartmann am Leipziger Centraltheater Jana Zöll für zwei Produktionen engagiert hatte. Ins Ensemble holen wollte er sie nicht. Eine Festanstellung irgendwo, irgendwann? Daran glaubten selbst Optimisten nicht. Dass sie schließlich doch einen Vertrag auf zwei Jahre bekam, der mittlerweile um ein Jahr verlängert wurde, liegt an Jonas Zipf, 2014/15 Schauspielchef in Darmstadt, der ein Ensemble mit möglichst vielen Ausprägungen wollte. Und an Intendant Karsten Wiegand, der dieses Ensemble mit ermöglicht und zuletzt verlängert hat.

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