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24.06.2016

Berliner Morgenpost: Der Letzte macht das Licht aus

Herbert Fritsch inszeniert die „Apokalypse“: Das Stück passt zur aufgeheizten Stimmung in der Volksbühne

Himmelfahrten sind im Theater nichts Außergewöhnliches. Aber wenn der Erzähler der "Apokalypse" Richtung Schnürboden entschwebt, guckt man besser genauer hin. Denn das ist eine ziemlich komische Angelegenheit, wie verständnislos Wolfram Koch zunächst die Schlaufen am Seil anschaut, die plötzlich vor seiner Nase baumeln. Wie er schließlich doch hineinsteigt und an ihnen rumfummelt, bis der Bühnentechniker kommt und sie ihm anpasst. Wie er dabei blickt, als wäre das die peinlichste Sache von der Welt. Wie er dann tatsächlich auffährt und die beiden anderen auf der Bühne ihm mit offenen Mündern hinterherglotzen – das ist grotesk.

Aber wir sind hier ja auch nicht in der Kirche, sondern in der Volksbühne bei Herbert Fritsch. Der hat – als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen – aus der "Offenbarung des Johannes", dem auch "Apokalypse" genannten letzten Buch des biblischen Neuen Testaments, einen erstaunlich texttreuen Abend gemacht. Statt wortkarger oder wortloser Stammeleien (wie so oft bei Fritsch) spricht Wolfram Koch nun in 90 Minuten alle 22 Kapitel in der Luther-Übertragung. Sie verdunkelt die Offenbarungen noch mehr, die für uns heute ohnehin schon märchenhaft klingen, halb Jenseitshoffnung, halb Untergangsfantasie. Apokalypse! Der Weltuntergang! Drunter geht's gerade nicht an der Volksbühne, die 2017 von Chris Dercon radikalerneuert werden soll. Das Ende, der Abschied hat diese Spielzeit bislang wie ein roter Faden durchzogen: René Pollesch ätzte in "Service / No Service", dieses Haus könne sich mal selbst gentrifizieren. In Frank Castorfs "Kabale der Scheinheiligen" heißt es ironisch: "Ich habe mich ausgeschrieben. Höchste Zeit, dass man mir das Theater wegnimmt!"

Dass ausgerechnet diese vorletzte Spielzeit so sehr auf Abschied getrimmt ist, könnte damit zusammenhängen, dass sie ursprünglich die letzte werden sollte, bevor die Verlängerung verkündet wurde – und Theaterplanungen brauchen ihre Zeit. Nun also macht Fritsch im übertragenen Sinne das Licht aus. Wer sonst als er? Fritsch, der bis 2007 fest im Volksbühnenensemble der zuverlässige Springteufel war und seitdem eine beispiellose späte Regiekarriere hingelegt hat, hat wie kein anderer dazu beigetragen, dass das zwischenzeitlich schwächelnde Haus in den letzten Jahren wieder als eines wahrgenommen wurde, das vor Leben strotzt.

Er hat aus der Volksbühne eine Volks-Bühne gemacht hat. Legendär sein Erfolg mit "Die spanische Fliege" 2011, diesem Boulevard-Kracher, wegen dem sich auch Menschen an den Rosa-Luxemburg-Platz verirrten, die man sonst eher am Kurfürstendamm vermutet hätte. Und die sich am Ende mit dem typischen Volksbühnen-Publikum zum gemeinsamen Jubel erhoben. Kein Wunder also, dass dieser Herbert Fritsch gerade zum besonders heftigen Warner vor dem Volksbühnenende wird. Im Mai sagte er in dieser Zeitung: "Mich verletzt es, dass ich hier weggehen muss und zwar von einem ganz besonderen Haus, das produktiv ist wie kein anderes Theater in Deutschland." In seiner Dankesrede beim Theatertreffen umarmte er verbal die Volksbühnenmitarbeiter. Und er gehört zu den prominentesten Unterzeichnern jenes Protest- und Mahnbriefs, mit dem sich die Volksbühnen-Truppe am Montag an den Regierenden Müller wandte.

Deshalb steht die "Apokalypse"-Premiere natürlich unter erhöhter Beobachtung. Sie ist nicht gerade seine glanzvollste Arbeit, Fritsch ist sperriger geworden: Streckenweise versteht man kein Wort. Wolfram Koch verdüstert die ohnehin düsteren Visionen, weil er sie nicht spricht, sondern bellt, krächzt, fistelt, gurrt. Das nervt auch schon mal. Aber dafür erlebt man einen Clown von Gnaden, einen göttlichen Narren, der sich in seinem spielerischen Eifer durch nichts aufhalten lässt. Mit aufgeklebter Halbglatze und wirrem grauen Haarkranz wirkt er wie eine gealterte Version seines Schöpfers Fritsch. Seinen knallgelben Anzug tauscht er später gegen ein Harlekin-Trikot.

Da ist er längst wieder herabgestiegen zur Erde, und auch das ist eine Wahnsinnsszene: Zuerst sieht man expressionistische Schatten über den Rundhorizont eilen, dann senkt sich eine gewaltige, quietschgelbe Treppe herab, auf der Koch steht. Sie setzt aber nicht einfach auf dem spiegelnden Bühnenboden ab, sondern fährt weiter hinab in das quadratische Loch, aus dem Koch anfangs sprang.

Ein typischer Effekt an diesem Abend: Jede Geste von Größe und Macht wird durch eine weitere wieder zunichte gemacht. Koch illustriert alles, was er sagt, zittert am ganzen Leib, wenn er vom Erdbeben spricht, flattert mit seinem Jackett, wenn vom Adler die Rede ist. Die großartige Souffleuse Elisabeth Zumpe bleibt ihm dicht auf den Versen. Dazu sirrt, wabert, wummert es apokalyptisch. Gegen Ende löst das blaue Licht alle menschlichen Konturen auf, so wie auch Sprache und Sinn zunehmend zerfallen. Das Ende ist nah. Es dauert noch eine Spielzeit lang.


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