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31.05.2016

Berliner Morgenpost: Lasst ihm das Theater!

Frank Castorf verarbeitet in seiner aberwitzigen Bulgakow-Montage an der Volksbühne den Konflikt von Kunst und Macht

Dass in Frank Castorfs Volksbühne französische Schauspieler auf der Bühne stehen, hatte oft etwas Spleenig-Apartes. Selten aber passte es so gut wie jetzt. Denn auf dem riesigen Thespiskarren, für den Aleksandar Denić eine Kutsche mit einer barocken Wanderbühne, einem Landhaus und einer Bar kreuzte, stehen jetzt unter einem glänzenden Kronleuchter die französischen Großschauspieler Jeanne Balibar und Jean-Damien Barbin und deklamieren statisch aus Racines "Phädra". In ihrer Muttersprache, mit deutschen Übertiteln.

Das ist öde. Genau das soll es aber auch sein. Denn erstens sagt Frank Castorf in seinem neuesten Fünfeinhalb-Stunden-Werk: Leute, seid froh, dass uns Molière von dieser ernsten Langeweile erlöst hat! Und zweitens, indem er drumherum sein teilweise brillant komisches Castorf-Feuerwerk abfackelt: Guckt mal, was ihr bald verliert, wenn 2017 Chris Dercon den Laden übernimmt.

Für "Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn Molière" hat Castorf zwei Texte von Michail Bulgakow über den großen französischen Komödiendichter kombiniert. Zum einen dessen Stück "Die Kabale der Scheinheiligen", das sich auf die Frage konzen­triert, warum Ludwig XIV. dem geschätzten Hofdichter seinen Schutz entzog. Zum anderen die Biografie "Das Leben des Herrn Molière", in der Bulgakow immer wieder Vermutungen und Schlussfolgerungen zu strittigen Punkten im Leben des Dichters anstellt. Die sind oft ebenso aus dem eigenen Erleben gespeist wie sein Interesse am Konflikt mit der Macht – schließlich hat Stalin den Autor von "Der Meister und Margarita" am Ende auch fallen gelassen.

Die Gleichung also heißt grob: Ludwig XIV. = Stalin, Molière = Bulgakow = Fassbinder = Castorf. Denn mit Rainer Werner Fassbinders Film "Warnung vor einer heiligen Nutte" kommt auch noch der autokratische Regisseur ins Spiel und sein aberwitzig-komischer Kampf mit den Unbilden einer aus dem Ruder laufenden Produktion. Das kulminiert vor der Pause zu jenem Castorf-Wahnsinn, wegen dem man die alte Volksbühne vermissen wird: Da regiert Alexander Scheer als cooler Despot über einen Haufen durchgeknallter Schauspieler. Castorf lässt seine wunderbaren alten Stammschauspieler zu Hochform auflaufen: Sophie Rois krächzt sich hinreißend durch die Erzählerrolle des Bulgakow, Scheer knurrt und bellt und barmt und flirtet als Molière, als ginge es um gleich mehrere Leben. Einen wunderbar dekadent-müden Popkönig mit Kopf-ab-Allüren spielt Georg Friedrich, der in seinem Versailles-Bett hockt, das mit Louis-Vuitton-Initialen bestickt ist, während sich droben statt einer Sonne das Versace-Markenzeichen dreht. Klar: Heute regiert kein Monarch mehr, sondern das Geld.

Nach der Pause ist erst mal die Luft raus aus der wilden Sause, obwohl jetzt Daniel Zillmann als Molières Adoptivsohn und Verräter (beim titelgebenden religiösen Geheimbund) seinen großen Auftritt hat: Jeden Satz stanzt er als faszinierendes Ausrufezeichen in die Luft. Dennoch schiebt sich das Ganze nur mühsam über eine nicht enden wollende Sterbeszene der Madeleine Richtung Finale. Irgendwann seufzt Molière-Castorf: "Ich habe mich ausgeschrieben. Höchste Zeit, dass man mir das Theater wegnimmt!" In seinen besten Momenten beweist der Abend das Gegenteil.


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