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03.06.2016

Berliner Morgenpost: John Lennon und Paul McCartney basteln am ersten Hit

Mit dem Stück „Backbeat“ wird am Kurfürstendamm gezeigt, wie man Theater und Rock zu einer Geschichte verbinden kann

Der Indra-Club auf der Hamburger Reeperbahn muss Anfang der 60er-Jahre ein ziemlich übler Ort gewesen sein: Oben auf der Bühne stolpert eine Tänzerin orientierungslos und ohne Perücke herum, aus dem Publikum pöbelt ein Betrunkener, während eine Zuschauerin auf Ruhe besteht. Hier platzen fünf blutjunge Musiker aus Liverpool rein, die gerade dabei sind, einen eigenen Sound zu entwickeln: The Beatles.

In Künstler-Biografien ist das oft der spannendste Moment, wenn junge Suchende plötzlich ihren Stil finden und aus kämpferischen Niemanden Stars werden. Von dieser Entwicklung bei den Beatles erzählte 1994 der Film "Backbeat" – und jetzt die gleichnamige Inszenierung im Theater am Kurfürstendamm. Im Zentrum steht die Freundschaft zwischen John Lennon und Stuart Sutcliffe. Sutcliffe war eigentlich bildender Künstler und machte wegen Lennon am Bass mit, den er der Legende nach nicht mal besonders gut beherrschte. In Hamburg verliebte er sich in Astrid Kirchherr, die mit ihren Fotografien das Image der Beatles wesentlich prägte. Aus Liebe zu ihr und der Malerei stieg er aus. Tragische Pointe: Er starb kurz darauf an einer Hirnblutung.

Während im Film die Liebesgeschichte zwischen Sutcliffe und Kirchherr im Mittelpunkt stand, wird auf der Bühne die Band zum Star. Anders aber als in vergleichbaren Abenden ist Franz-Joseph Diekens Inszenierung nicht ausschließlich ein Vehikel dafür, die Rock-'n'-Roll-Songs aus dem frühen Beatles-Repertoire unter Hochdruck ins Publikum zu pfeffern – "Twist and Shout" ist dabei oder "Johnny B. Goode". Sondern ein überzeugendes Beispiel dafür, wie man Theater und Rock zu einer Geschichte verweben kann, in der das eine ohne das andere nicht auskommt.

Dabei merkt man, dass die Produktion aus Hamburg stammt, wo sie seit zwei Jahren am Altonaer Theater läuft. Zum einen, weil die Spielfassung die Hamburg-Bezüge stärkt, was in Berlin nicht weiter stört. Zum anderen, weil die Schauspieler-Sänger mit instrumentaler Mehrfachbegabung so aufeinander eingespielt sind, dass sie wirklich wirken wie ein eingeschworenes Team. Von Anfang an stimmen Timing und Witz, wirken ihre spätpubertären Frotzeleien lässig und natürlich.

Dabei kommen sie mit einfachsten Mitteln aus. Die Bühne ist ein überschaubares Quadrat, nur mit goldenen Vorhängen begrenzt, auf der ein Podest fürs Schlagzeug, Mikrofone und ein alter Lautsprecher stehen. Der Rest ist raumgreifendes Körperspiel der testosteronschwangeren Jungs – wenn ihnen der Clubmanager Aufputschmittel zum Durchhalten der 6-Stunden-Schichten gibt, fährt ihnen ein fantastisches Gezappel in die Glieder. Das ist ebenso beeindruckend wie der stille Moment, in dem Frederic Böhles ziemlich mackerhafter John Lennon mit Philip Spreens eher introvertiertem Paul McCartney aus einem etwas banalen Lied den ersten Beatles-Hit "Love Me Do" machen – ein paar Textdreher hier, eine kleine harmonische Veränderung da, schon wird ein Ohrwurm draus.

Natürlich sticht Böhle heraus, das liegt schon am Riesen-Ego seiner Rolle, das er beeindruckend ausfüllt. Aber ebenso David Nádvorniks Sutcliffe, ein Zerrissener, Getriebener, der oft wirkt wie der einzige Erwachsene auf einem Schulausflug. Er macht mit seinem pantomimischen Action-Painting die vierte Bühnen-Wand zur Leinwand, ist ein herzrührender Charmeur und dennoch ein guter Kumpel. Schade nur, dass Uta Krüger als Astrid Kirchherr so blass bleibt – so richtig will die Liebesgeschichte zwischen den beiden nicht zünden.

Dafür begeistert die Band umso mehr. Besonders toll sind die Szenen, wo im Vordergrund die Geschichte weitergeht, die die übrigen musikalisch begleiten. Oder die Unplugged- und A-cappella-Momente, in denen die fünf Schauspieler beweisen, dass sie auch ohne Verstärker hervorragende Musiker sind. Am Ende ufert der Abend zur großen Rockkonzert-Sause aus mit vielen Zugaben und einem glücklich jubelnden Publikum.


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