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16.06.2016

Berliner Morgenpost: Schöne neue Seifenoper

Aldous Huxleys Zukunftsklassiker hält im Hans Otto Theater nicht immer, was er verspricht

Wie wird ein Mensch gemacht? In der Zukunft der "Schönen neuen Welt" ungefähr so: Die Embryonen wachsen in künstlichen Gebärmüttern heran. Die, die mal Führungskräfte werden sollen, bekommen die bestmögliche Behandlung. Spätere Arbeiter-Menschen hingegen werden mit Sauerstoffentzug schon vor der Geburt verdummt. Ein technischer Prozess, der auf der Bühne des Hans Otto Theaters ziemlich menschlich aussieht: Die Tänzerin Luana Rossetti im rosafarbenen Latextrikot lässt sich von den dauerlächelnden Wissenschaftlern über Leuchttische stoßen und verbiegen, bekommt dabei Chemiecocktails verpasst.

Warum dramatisieren die Theater Romane? Regisseur Alexander Nerlich gibt in Potsdam die Antwort: Weil es mit starken sinnlichen Bildern komplexe Schilderungen auf den Punkt bringen kann. Außerdem gelingt es ihm, Gleichzeitigkeit herzustellen, wo Huxleys berühmter Roman von 1932 chronologisch erzählt. Zuerst von den Lebensprozessen der Zukunft: Kastendenken, die Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft, Sex und Drogen zur Entspannung. Dann erst lässt er einen Außenseiter dieser durchrationalisierten Sauber-Welt auf zwei "Wilde" im Reservat treffen, die er mit in die "Zivilisation" nimmt – und damit die Tragödie in Gang setzt.

Bei Nerlich geschieht das gleichzeitig. So zufällig, wie die Embryonen für die Weiterbearbeitung ausgewählt werden, so zufällig wird zu Beginn das Publikum aufgeteilt. Die einen sitzen vor dem Eisernen Vorhang, wo ein breiter Steg voller Erde und Müll ins Parkett ragt. Hier leben John (Eddie Irle) und seine Mutter Linda (Melanie Straub), eine in der Wildnis verschollene Beta-Frau. Ihr Rückzugsort: ein ausgeweideter Golf. Johns Altarersatz: ein alter Kühlschrank. Ihre Kleidung: starr vor Schmutz. Dazu summen Fliegen.

Hinter dem Eisernen Vorhang erfährt man die Vorgeschichte aus der anderen Perspektive. Alles ist in rotes Licht getaucht: die Leuchttische, die Glasvitrinen, die lächelnden Menschen in Kleidern, die so aussehen, wie man sich in den 30er-Jahren die Zukunft vorgestellt haben mag. Die erste Stunde macht trotz einiger Überdeutlichkeiten Lust auf den zweiten Teil, wo John und Linda die neue Welt ins Wanken bringen. Allerdings stößt hier die Bühnenfassung von Robert Koall an ihre Grenzen, weil sie die Romanhandlung auf ihre Höhepunkte reduziert. Das trägt ebenso zur Seifenopernstimmung bei wie die Schauspieler.

Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr verliert er an Kontur. Auch wenn das Heute immer mal wieder gruselig durchschimmert, hat man am Ende doch das Gefühl, dass diese "Schöne neue Welt" ziemlich weit weg ist.


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