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21.09.2016

Berliner Morgenpost: Ein Herz für spleenige Typen

Thom Luz ist der Regisseur der Stunde. Am Freitag inszeniert er am Deutschen Theater die Spielzeiteröffnung.

Strubbelhaar, Schlafzimmerblick, Goldstaub überm Dreitagebart, als wär's Kohlendreck. Dazu diese Stimme, ein Sirenenlockruf überm pulsierenden Sound aus Gitarre, Keyboard, Schlagzeug: Das ist Thom Luz, Gründer und Kopf der Schweizer Indierockband "My Heart Belongs To Cecilia Winter", erfolgreich in Österreich, Frankreich, Deutschland. Ihr jüngstes Album "erzeugt einen Schub wie zwei, drei Amphetamin-Tabletten", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung". Und dann ist da: Thom Luz, der Theatererfinder: zurückhaltend, freundlich, nachdenklich. Keiner, dem man die große Pose zutrauen würde. Nur manchmal glimmt Glamrock in seinem Blick.

Der Popstar Thom Luz hat gerade Pause, weil der Regisseur so gefragt ist. 2014, als er bei den Berliner Autorentheatertagen mit zwei Produktionen eingeladen war, galt er als Entdeckung. 2015 war er mit "Atlas der abgelegenen Inseln" aus Hannover zum Theatertreffen eingeladen. Seitdem gehört er zu den gefragtesten Namen der jüngeren Regiegeneration. Jetzt, mit 34, inszeniert er am Deutschen Theater (DT) am 23. September die Spielzeiteröffnung, "Der Mensch erscheint im Holozän" nach Max Frischs Erzählung.

Ein Vertrauensbeweis. Wer die Spielplanpolitik des DT verfolgt, weiß, wie vorsichtig das Haus mit seiner großen Bühne umgeht, nur selten Risikos eingeht, das Erzählen in den Mittelpunkt stellt. Luz hingegen ist ein Meister der Atmosphären, der leeren Bühne, auf der nur steht, was er für die Inszenierung braucht – zum Beispiel für die Livemusik. Sie ist bei ihm keine atmosphärische Zugabe, sondern dem Text gleichberechtigt. "Es geht um den Klang, darum, die Wahrnehmung umzustellen", sagt Luz. "Auch in der Welt begreift man ja viele Dinge nicht, wenn man sie nur anschaut."

Wie in Frischs später Erzählung von 1979: Ein Mann lebt einsam in einem Schweizer Tal. Als ihn ein tagelanges Unwetter von seiner Umgebung abschneidet, beginnt er, lexikalisches Wissen zu sammeln und an die Wände zu heften. Zugleich zeigt er immer stärkere Anzeichen von Demenz. Am Ende erkennt er, dass die Welt sein Gedächtnis nicht braucht. Frisch nutzt dabei eine Collagetechnik, die Erlebtes, Erlesenes und Gedachtes eng miteinander verwebt. "Als Leser muss man die Geschichte suchen im Flickwerk aus Einkaufslisten und Lexikoneinträgen", sagt Luz. Natürlich reizt ihn gerade das: die Detektivarbeit des Lesens in Theatermittel zu übertragen.

Luz hat ein Herz für spleenige Typen, für Menschen neben der Spur, für Scheiternde. In seinem ersten Projekt ging es um eine abgebrochene Nordpolexpedition, in "When I Die" um eine Frau, denen tote Komponisten wie Beethoven ungeschriebene Werke diktierten, in "LSD" um den Aus-Versehen-Erfinder der Droge.

Diese Geschichten zerlegt Luz gerne in ihre Einzelteile, um sie dann neu zusammenzusetzen. Ein Puzzle, das bestenfalls tiefere Schichten freilegt. Oder, wenn es scheitert, eine Ansammlung von Einzelteilen bleibt: Nebel, Akkorde, mondsüchtige Gestalten. Luz nennt es auch Alchemietheater.

Am Faszinierendsten kam das bislang im "Archiv des Unvollständigen" zusammen, einem Abend aus Oldenburg, den er zusammen mit der Dramatikerin Laura de Weck entwickelte: Dort, wo die Sprache zerbröselte, setzte der Gesang ein. Es gab keine Geschichte, aber all die Fragmente erzählten komplex und doch leicht vom Wunder wie der Vergeblichkeit des Lebens – ein Gespinst aus Klang, Worten, Licht.

Hat das alles irgendetwas mit seiner Alternativkarriere bei "My Heart Belongs To Cecilia Winter" zu tun, außer dass es in beiden Genres um Musik geht? "Eigentlich ist der Wunsch derselbe wie bei der Band: raumgreifend sein, dem Leben einen Zauber abzutrotzen, Euphorie zu stimulieren", sagt Luz. "Nur sind die Mittel völlig andere." Er nutzt den Wechsel zwischen den Welten, um sich in der einen von der anderen zu erholen. "Wenn man nur Theater macht, ist es schwierig, spielerisch zu bleiben, dann verkrustet man schnell ein bisschen."

Die große Rolle der Livemusik in seinen Abenden, die aus dem Nichts zu kommen scheint, sich erst allmählich zusammenfindet, oft Fragment bleibt, provoziert natürlich den Vergleich mit Christoph Marthaler, dem Schweizer Großmeister dieser Theaterkunst. Und tatsächlich: Anfang des Jahrtausends, als Luz in Zürich Schauspiel studierte, war Marthaler Intendant am Zürcher Schauspielhaus. Obwohl Luz keine jugendliche Kopie ist, sondern eine eigene, luftigere Handschrift besitzt, entbehrt es nicht einer Ironie, dass beide Schweizer jetzt im Berliner Nahduell zu erleben sind: Marthaler eröffnet am 21. September mit "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" Frank Castorfs letzte Saison als Volksbühnen-Intendant, zwei Tage vor Luz' Premiere.

"Der Mensch erscheint im Holozän" ist übrigens nicht Luz' Berlin-Debüt. 2009 kam sein Stück "Schutz und Rettung" beim Freischwimmerfestival in den Sophiensälen raus. Seine Beziehung zur Stadt ist noch älter. Auf seiner ersten Reise mit 16 landete er im "Monsieur Vuong", damals noch keine Institution. "Da war das Gefühl: Das ist also Berlin!" Der Laden ist bis heute sein Stammrestaurant, wenn er hier ist, auch, weil er Veränderungen nicht besonders gern hat.

Außer in der Kunst, wo jeder seiner Abend eine Überraschung ist, obwohl die Zutaten im Wesentlichen dieselben bleiben. "Ich bin kein professioneller Erwartungshaltungserfüller", sagt er. "Ich versuche, mit den zwei Stunden auf der Bühne etwas Vernünftiges anzustellen, etwas zu verstofflichen, was vorher nicht stofflich war. Das kann scheitern. Aber ich habe wenigstens was gewagt."


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