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20.09.2016

Berliner Morgenpost: Abschied vom Original

Frank Castorfs letzte Volksbühnen-Saison beginnt. Eine aufregende Zeit geht zu Ende. Das ist auch nicht verkehrt.

Was soll jetzt eigentlich noch kommen? In der vergangenen Spielzeit hatte die Volksbühne ausführlich Abschied genommen. Christoph Marthaler seufzte in "Hallelujah" dem Spreepark hinterher. Herbert Fritsch ließ in "Apokalypse" von den letzten Dingen stammeln. Frank Castorf legte in "Kabale der Scheinheiligen" seiner Molière-Figur in den Mund: "Ich habe mich ausgeschrieben. Höchste Zeit, dass man mir das Theater wegnimmt!" Und René Pollesch schuf mit "Service / No Service" eine Hommage an den vor gut einem Jahr gestorbenen Bert Neumann, der die prägnante Ost-Coolness des Hauses erfunden hatte. Nach seinen Plänen wurde das Parkett asphaltiert. Versiegelt, könnte man auch sagen.

Hier wächst bald nichts mehr, sollte vermutlich die Botschaft heißen. Denn so, wie wir sie kennen, geht die Volksbühne ihrem Ende entgegen. Das große, wilde, unangepasste Haus, diese weltweit so erfolgreiche wie gefürchtete Kunstmarke, wird zum Ende dieser Spielzeit nach 25 Jahren aus den Händen Frank Castorfs in die des Kunstkurators Chris Dercon gelegt. Castorf würde gerne länger bleiben. Dabei gibt es gerade kein anderes großes Theater, das so lange von einem Intendanten geprägt wurde.

Schon jetzt erinnert das Haus gelegentlich an jenes Theatermuseum, als das das Berliner Ensemble gerne bezeichnet wird (auch dessen Chef Claus Peymann muss nächstes Jahr gehen) – seit 25 Jahren gibt's Variationen des Gleichen. Längst sind der fliegende Kartoffelsalat, die anbrennenden Spiegeleier, die wackelnde Videokamera und ins Bild hängende Mikrofonangeln Teil der Theatergeschichte, nachzulesen in jedem aktuellen Handbuch.

Ein Theatermuseum, ja. Aber ein höchst lebendiges. Schließlich holte Castorf seinen längst prägenden Stil immer wieder produktiv in die Gegenwart, ließ Regisseure wie Vegard Vinge, Sebastian Hartmann, David Marton, Pollesch, Fritsch und Gruppen wie Gob Squad machen. Und er hatte Bert Neumann als Koautor dessen, was wir heute als Volksbühne kennen: das raue, ostige Design, das laufende Rad als Logo, die Altpapier-Programmzettel, die Frakturschrift – das alles wirkt immer noch wie ein Vorgeschmack auf ein Morgen, obwohl Sperrholz, Einheitsräume, LED-Anzeigen und Lametta es längst zu europaweitem Bühnenruhm gebracht haben.

Auch deshalb hielt sich hier dieses "Typisch Berlin"-Gefühl so hartnäckig. Mittlerweile ist Berlin aber anscheinend überall. Die Volksbühne hat sich als Exportschlager erwiesen – ihre Regisseure inszenieren längst an allen großen deutschsprachigen Bühnen. Auch fast alle derjenigen jungen Gesichter, die zuletzt dem Theatertreffen eine Frischzellenkur verpassten, waren deutlich von den Volksbühnenhandschriften beeinflusst – Ersan Mondtag ebenso wie Robert Borgmann, Susanne Kennedy und Anna-Sophie Mahler.

Vor allem aber hat sich die Volksbühnenästhetik noch im kleinsten Stadttheater eingenistet, teils mit katastrophalen Folgen, weil nicht jeder das kann – ein Stück nach dem Zertrümmern zu etwas faszinierend Neuem zusammenzusetzen.

Gerade weil aber die Volksbühnenästhetik mittlerweile Allgemeingut geworden ist, ist es jetzt vielleicht auch mal gut. Muss man bei so vielen Kopien und Variationen das Original wirklich so lange am Leben erhalten, bis dort irgendwann alle nur noch als greisenhafte Kopien ihrer selbst herumlaufen? Zumal das Haus ja auch oft etwas ungemein Selbstgefälliges hatte mit seinem Geniekult, dem patriarchalen System, das sich hinter Anarchogehabe versteckt, mit dieser pennälerhaften Antihaltung, die sich nicht eingesteht, dass die Volksbühne schon ein Hipster-Treffpunkt war, bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. Sie hat ihren Anteil daran, dass Berlin heute so ist, wie es ist, im Guten wie im Schlechten.

Die Zeiten hier waren, logisch, nicht immer glorreich. Dass die Volksbühne gerade so gut läuft, scheint auch damit zusammenzuhängen, dass die Abschiedswut neue Energien freisetzt. Aber vor gar nicht so vielen Jahren wirkte die Volksbühne ganze Spielzeiten lang ausgespielt, auserzählt, ausgebrannt. Wer erinnert sich nicht an endlose Inszenierungen, die wirkten wie müde Selbstzitate?

Auch vom Meister selbst stammen einige Abende, in denen einem die fünf bis sechs Stunden sehr bitter wurden. Das konnte einem sogar bei den guten Inszenierungen passieren, einfach weil sie nicht gemacht waren für Menschen, die schon einen durchgeackerten Arbeitstag hinter sich hatten, anders als die Berliner Bohème, die sich besonders mit der Volksbühne identifiziert.

Gerade weil Glanz und Elend hier schon immer dicht beieinander gelegen haben, ist die Trauer und Wut, die in der Berliner Kulturszene wegen des baldigen Endes der Ära Castorf herrscht, ein bisschen überzogen. Vielleicht schafft Chris Dercon es, wider Erwarten alle zu überzeugen, so wie es Shermin Langhoff am Gorki gelang, Armin Petras zu überstrahlen, obwohl sie anfangs nicht gerade herzlich empfangen wurde.

Vielleicht scheitert er auch, zumal die Messlatte entsetzlich hoch liegt. Dann ist aber immer noch genug Zeit, um der Castorf-Ära nachzutrauern, sie zu glorifizieren.

Jetzt sollte man sie noch mal in sich aufsaugen, bevor der letzte Vorhang fällt, um das zu feiern, was wirklich einmalig ist. Die Schauspieler zum Beispiel: Sophie Rois, Alexander Scheer, Martin Wuttke und Kathrin Angerer. Und die jungen Spielwütigen, wie Lilith Stangenberg, Daniel Zillmann und Maximilian Brauer. Und die vielen großartige Abende von Castorf, Pollesch, Fritsch und Co., die noch im Programm sind. Es bleibt eine Spielzeit. Zeit genug für einen Abschied.


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