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17.09.2016

Berliner Morgenpost: Kurz und schmerzhaft

80 Minuten als eine gefühlte Ewigkeit: „Abschlussball“ im Berliner Ensemble mag es grell und nachdrücklich.

Die Apokalypse, was sonst? Drunter geht es nicht, wenn in Berlin eine Theaterära zu Ende geht. Neulich ließ Herbert Fritsch an der Volksbühne Wolfram Koch die gesamte "Offenbarung des Johannes" stammeln, ein biblisches Buch voller wirrer Visionen und krasser Bilder. Jetzt setzen auch die Schauspieler am Berliner Ensemble an, Sätze daraus zu singen, zu zischen, in Silben zu zerhäckseln: "Und ich sah einen neuen Himmel / und eine neue Erde…"

Beim "Abschlussball. Ein Lamento in Bildern" wird aber erst mal eine Welt zu Grabe getragen. 17 Spielzeiten lang war Claus Peymann Herr über das Berliner Ensemble; die 18. wird seine letzte sein. Also hat er lauter Schluss-Stücke angesetzt, Samuel Becketts "Endspiel" zum Beispiel. Den Auftakt macht Achim Freyer mit einem Dada-Reigen im Cabaret: Von Anfang an ist der Saal verdunkelt, glimmen in den Logen Lichtlein, wirft eine Diskokugel Tausende leuchtende Punkte an die Decke. Später lässt eine LED-Anzeige Begriffe wie "Ewigkeit", "Vergnügen" und "Boot" aufleuchten, ein riesiger Spiegel schwebt schräg über der Bühne und doppelt das Geschehen, ein anderer dreht seine Runde.

An der Rampe lässt Freyer als Regisseur derweil einen endlosen Gruselreigen entlangdefilieren, Figuren, halb Mensch, halb Fabelwesen, die wirken, als hätte Freyer als Ausstatter den BE-Fundus geplündert und möglichst schräg kombiniert: Pappmaché-Masken, fransiger Fummel, riesige Umschnall-Schwänze – Hauptsache groß und grell. Mitgebracht haben die 14 Schauspieler und Sänger auch Textfetzen von Euripides, Goethe, Büchner – und die Offenbarung des Johannes. Sie skandieren, kreischen, singen all diese Endlichkeitsdokumente mit Nachdruck. Kein Satz bleibt ohne Ausrufezeichen. Ihr Sinn aber versinkt im peinigenden Dada-Reigen der Knallschargen und eingefrorenen Grimassen.

Weder die Figuren noch die Schauspieler bieten dabei Halt. Zwar hat sich Freyer die Mühe gemacht, allen Figuren Namen zu geben – sie heißen "Die Sehnsüchtige" oder "Der Vergebliche". Unterschiede sieht man nicht. Immer weiter treibt der Akkordeon-Tango vom Band die Meute voran, einmal weht sogar der Sturm der Geschichte herein. Die Kompositionen Lucia Ronchettis raunen im Hintergrund und drängen allenfalls als vokale Miniaturen vor: Da psalmodiert Esther Lee-Freyer auf einem Ton, die anderen treiben das in die Kakofonie.

Der 82-jährige Freyer ist hauptberuflich Opernregisseur und Ausstatter, war mal Meisterschüler bei Bertolt Brecht, eine lebende Legende. Man ahnt das alles, wenn aus der Orchesterloge ein Harlekin grinst und Figuren wie Texte eiskalt abserviert werden. Vor allem aber ist dieser Abend das Beispiel einer sich längst überlebten historischen Avantgarde, die vergeblich den Anschluss sucht. Ein selbstgerechter Anarchietaumel mit Staublunge. Mehrfach verkünden zwei Mädchen: "Das Spiel beginnt!" Stattdessen greint hier eine "Medea", rezitiert dort jemand Else Lasker-Schüler, dann kommen die Lottozahlen. 80 Minuten dauert das, eine gefühlte Ewigkeit. Claus Peymann wollte offenbar dieses Lamento. Am Ende klagt das Publikum – mit Buhs.


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