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10.09.2016

nachtkritik.de: Blaupausen der Verdrängung

Dieses Geflitter ist schwer zu fassen: Unzählige helle Kunststoffstreifen hängen von der Decke. Sie wirken wie ein riesiger Lüster aus den 1960ern. Oder, wenn sich einer der Schauspieler hindurchschiebt, wie ein Dschungel aus abstrakten Lianen. Wenn ein Gesicht draufprojiziert wird, zersplittert es. So wie das von Dimitrij Schaad, als er davon berichtet, wie er als Kind sexuell missbraucht wurde. Anfangs steht er noch an der Rampe, ein Gesichtszucken hier, eine fahrige Handbewegung da. Dann begleitet ihn die Kamera nach hinten. Während er im Erzählen auf das Verdrängte stößt, leuchtet sein Gesicht übergroß in feine Streifen vor uns, zerstückelt und ungenau wie seine Erinnerung.

Vermutlich ist das nicht Schaads eigene Geschichte, aber das ist ja einer der bewährten Tricks in den Abenden von Yael Ronen: das sich Schauspieler und Rolle oft derart überlagern, dass eine besondere Spannung entsteht. Oft genug irritiert das, weil manche Fakten nachweislich wahr sind. Zum Beispiel die von Maryam Zaree: Ihre Mutter floh wirklich mit dem Kleinkind aus dem Iran. Aber haben sie und ihre Mutter tatsächlich nie darüber gesprochen, was damals passierte?

Diese Grundannahme führt geradewegs ins emotionale Zentrum von "Denial" am Berliner Gorki Theater. Immer neue Variationen des persönlichen Verdrängens und Verleugnens führt der Abend vor. Der große Zaree-Moment ist typisch für Ronen. Eingeleitet wird er durch ein aufgenommenes Telefongespräch, in dem die Tochter der Mutter versucht auszureden, zur "Denial"-Premiere zu kommen. Dann bittet Zaree die Kollegin Çiğdem Teke, sie mit der Kamera aufzunehmen, während sie ihrer Mutter jene Fragen stellt, die sie sich – laut Text – nie zu stellen gewagt hat. Weil die aber im Publikum sitzen könnte, weil sie also Angst hat vor der eventuellen Reaktion ihrer eventuell anwesenden Mutter, setzt sie sich mit dem Rücken zum Parkett. Ihr Gesicht prangt darüber auf der Leinwand auf. Und blickt uns an.

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