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05.11.2016

Berliner Morgenpost: Gipfeltreffen der Theatergiganten

Der US-Amerikaner Robert Wilson und der Chinese Danny Yung sind in Berlin. Ein Treffen

Was ist eigentlich so falsch an der Globalisierung? "Globalisierung ist wie Feuer. Wenn es richtig genutzt wird, wärmt es dich. Wenn nicht, zerstört es dich", sagt Robert Wilson. "Die Gefahr ist: Wenn wir unsere Kultur verlieren, verlieren wir unser Gedächtnis." Danny Yung ergänzt: "Bestenfalls ist Globalisierung keine Einbahnstraße, sondern eine Möglichkeit des Austauschs, des Voneinanderlernens."

Wilson und Yung, das ist ein Gipfeltreffen der Theatergiganten: Der chinesische Avantgarde-Regisseur aus Hongkong, wichtigster Impressario des ostasiatischen Kulturraums, trifft auf den amerikanischen Meisterregisseur, Autor, Maler, Designer. Beide haben sie in den USA Architektur studiert, beide verschmelzen in ihren Werken die eigene mit anderen Kulturen, beide arbeiten international.

Und beide leben gerade in Berlin: Wilson (75) bereitet hier seine Abschieds­inszenierung am Berliner Ensemble unter Claus Peymann vor, Samuel Becketts "Endspiel". Yung (73) ist für ein Jahr Mitglied am internationalen Forschungszentrum "Verflechtungen von Theaterkulturen" an der Freien Universität und zeigt am Wochenende in der Akademie der Künste (AdK) seine Auseinandersetzung mit der chinesischen Kun-Oper "Flee by Night" (Nachtflucht). Wir treffen uns in der AdK, schließlich ist Wilson seit 1996 Akademie-Mitglied und hat in den Ateliers am Hanseatenweg in den 80er-Jahren sogar mal gewohnt, während er an der Schaubühne inszenierte.

Gerade ist hier die Ausstellung "Uncertain States" zu sehen, künstlerische Auseinandersetzungen mit Konflikten und Krisen, gesellschaftlichen und politischen Wandlungen und Umstürzen. Yungs Gastspiel läuft im Rahmenprogramm. Vor dem Interview lässt sich Wilson durch die Ausstellung führen. Dann werden ihm Tee und Suppe gebracht – es geht ihm nicht so gut, der Probenstress und eine Erkältung setzten ihm zu, er wirkt angeschlagen.

Dann aber lässt er sich doch auf das Gespräch mit Yung ein. In Sachen Globalisierung sind sie sich schnell einig. Einerseits gehören sie zu den prägenden Gestalten der ersten Welle der Kulturglobalisierung, haben schon international gearbeitet, als das gerade im Theaterbereich noch vollkommen unüblich war – und sich ihrerseits für die Einflüsse anderer Kulturen geöffnet. Auch daran könnte liegen, dass sich ihr Werk in einigen Punkten ähnelt – Stille, Reduktion, Gesten spielen für beide eine entscheidende Rolle.

Andererseits berichtet Wilson, dass Wissenschaftlern zufolge in 15 bis 20 Jahren 75 Prozent der indigenen Kulturen verschwunden sein werden. Er erzählt von Borneo, wo die alten Handwerke aussterben – wenn ein Langhaus mit seinen komplexen Schnitzereien und Bildmotiven abbrennt, gibt es kaum jemanden, der es rekonstruieren kann.

Auch Yung sieht die gefährlichen Seiten der Globalisierung, gerade weil der Markt Stromlinienförmigkeit fordert. In seinen Arbeiten setzt er sich oft mit alten chinesischen Kulturtechniken auseinander wie jetzt in "Flee by Night" mit der traditionellen Kun-Oper, die er allerdings stumm spielen lässt und mit Business-Anzügen und europäischer Barockmusik anreichert. Dabei interessiert ihn weniger, die Traditionen musealisch zu erhalten, sondern eher, etwas über die eigene Geschichte und Kultur zu erfahren. "Vielleicht finde ich hier etwas, was von unserer offiziellen Geschichtsschreibung abweicht. Die Kun-Oper vermittelt uns ein besseres Verständnis darüber, wie es war, in der Ming- oder Qing-Dynastie zu leben."

Es ist übrigens nicht ihre erste Begegnung: Vergnügt plaudert Yung davon, wie sie sich mal bei einer Pressekonferenz in New York trafen, auf der keine Presse erschien und Yung deshalb so behandelt wurde, als würde er darüber schreiben. Wilson scheint sich nicht erinnern zu können. Das macht nichts, sie haben gemeinsame Bekannte und Themen, über die sie reden. Schließlich schenkt Yung Wilson ein selbst design­tes Kartenspiel – und einen Fächer, den ein autistischer Künstler bemalt hat. Das spielt auf Christopher Knowles an, einen autistischen Dichter und Performer, mit dem Wilson intensiv zusammengearbeitet hat.

Gerade weil beide so viel herumgekommen sind, schätzen sie das deutsche Theatersystem, das ein relativ freies künstlerisches Arbeiten ermöglicht, weil es nicht so stark unter wirtschaftlichem oder politischem Druck steht wie in den USA oder China. Wilson etwa erzählt, wie er Ende der 70er-Jahre an der Schaubühne "Death Destruction & De­troit" entwickelte. "Peter Stein hat es mir erlaubt, mit einem leeren Buch zu beginnen. Die erste Probenphase begann damit, dass wir zwei bis drei Monate nur Bücher gelesen haben. Stein wollte gar nicht genau wissen, was wir da gemacht haben."

Seit seinem ersten, wortlosen Werk "Deafman Glance" 1970 inszeniert Wilson alle seine Arbeiten zunächst einmal stumm: "Körpersprache ist universal." Das gilt natürlich auch für seine Beckett-Inszenierung am Berliner Ensemble. Wilson hat Beckett mehrmals getroffen und ihn einmal nach seinem Lieblingsschauspieler gefragt. Die Antwort: Buster Keaton, der große Stummfilmstar. Da herrscht nicht nur große Einigkeit zwischen Beckett und Wilson, sondern auch zwischen Wilson und Yung: das Wesentliche mit Mimik und Gestik zu sagen bei absoluter Stille oder zu Musik, ist typisch für ihr Werk.

Das Schwierigste daran, Beckett zu inszenieren, so Wilson: "1. Die Stille zu inszenieren. Und 2. den Humor zu behalten." Allerdings gilt Letzteres generell: "Wenn man keinen Humor hat, sollte man auch kein Theater machen." "Der Titel ist natürlich ein schlechter Scherz", sagt Wilson noch, bevor er wieder los muss zu den Proben. "Reitet bloß nicht zu sehr darauf rum!"


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