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25.10.2016

Berliner Morgenpost: Angerissen, breitgetreten

"Walls. Iphigenia in Exile" in den Kammerspielen enttäuschen

Mit der Liebe ist es so eine Sache. Wenn man zu viele Seifenopern geguckt hat, kann es passieren, dass man sich als Frau schnell an der Seite eines hartherzigen und geizigen Mannes wiederfindet. Davon jedenfalls erzählt Kon Yi in "Mail-Order-Bride", einem von sechs Kurzstücken des Abends "Walls. Iphigenia in Exile" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Die Vietnamesin Eun-hye hat sich als junge Frau den erstbesten Südkoreaner geschnappt, weil der Geld und Liebe versprach.

 

(Süd-)Korea ist weit weg, hat allerdings mit Deutschland die Erfahrung der Teilung gemeinsam, wirkt ähnlich hoch technisiert und wirtschaftsstark. Da hören die offensichtlichen Gemeinsamkeiten schon auf, müsste die Vermittlung beginnen. Das Theaterprojekt, das in sechs Nummern auf einem schmalen Steg an der Rampe immer wieder neu Schauspieler, Dramatiker und Regisseure von hüben wie drüben durcheinanderwürfelt, trägt dazu wenig bei. Mal wundert man sich über die übergroßen Gesten und Gefühle der Koreaner, mal über die Klischees, die hier hin- und hergeschoben werden.

Mittendrin: Der Iphigenie-Mythos. Johann Wolfgang Goethes humanistisches Drama läuft nebenan am Deutschen Theater. Die "Walls"-Variationen dazu wirken gewollt, weil Themen wie Geschlechter- und Machtverhältnisse oder Flucht und Exil keine Alleinstellungsmerkmale des Goethe-Dramas sind. In ZinA Chois "Asyl" fleht eine Frau in einer deutschen Behörde darum, als Flüchtling anerkannt zu werden, obwohl sie aus Südkorea kommt. Im Videoeinspieler "Es gab auch schöne Tage" erzählen drei Frauen von ihren Mauerfall-Erfahrungen. In "Iphigenie" versucht ein Mann, einer Prostituierten menschlich angemessen zu begegnen.

Schön, wie in dieser Inszenierung von Tilmann Köhler eine Puppe das Beziehungsgefüge verkompliziert. Doch die Szene bleibt eine aufgebauschte Petitesse, so wie alles an diesem knapp zweistündigen Abend, nur angerissen und zugleich breitgetreten wirkt. Und dafür der ungeheure Aufwand der länderübergreifenden Koproduktion, die vor zwei Wochen in Südkorea Premiere hatte? Dort, so heißt es, seien die heißen Eisen aufgefallen. Wo die liegen, müsste man einem deutschen Publikum erklären. Was bleibt? Der Wunsch, die wunderbare Sabine Waibel wieder öfter in Berlin zu sehen. Die Neugier auf eine Schauspielerin wie Kotti Yun auch jenseits von derart gut gemeinten Projekten.


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