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26.11.2016

Berliner Morgenpost: Cool am Pool

Das Spiel ist aus, der Spaß ist vorbei: Herbert Fritsch verabschiedet sich an der Volksbühne mit „Pfusch“

Zum Abschied sagt er leise "Tschüss": Nachdem alle 13 Schauspieler einzeln an die Rampe getreten sind, mit kleiner Geste ins Publikum gewinkt und das Abschiedswort ins Rund gehaucht haben, trippelt Herbert Fritsch im blauem Kleid nach vorne, grinst schief, bibbert, winkt. Dann geht der eiserne Vorhang runter, es donnert und grummelt. Da kann das Publikum noch so jubeln – der Lappen bleibt unten, Schluss, aus, vorbei.

 

Was waren das früher bei Fritsch-Premieren für Applaus-Polonaisen quer durchs ganze Haus! Hier an der Volksbühne gelangte Fritschs zweite Karriere als Regisseur (nach einer ersten als Castorf-Schauspieler) an einen Höhepunkt. Damals, vor gut fünf Jahren, als er mit der "(S)panischen Fliege" einen immer noch ausverkauften Dauerbrenner schuf, versöhnte er lässig Avantgarde und Boulevard miteinander. Zum Ende der Spielzeit verlässt er die Volksbühne, weil er sich mit dem zukünftigen Intendanten Chris Dercon nichts zu sagen hat. Schon seine "Apokalypse" im Juni war ein Abschiedsgruß, in dem auch eine Prise Untergangsstimmung und Groll mitschwang. Jetzt, in "Pfusch", seinem letzten Volksbühnen-Abend, wird er wieder milder, verspielter. Erst am Ende setzt er sein Ausrufezeichen: Das Spiel ist aus, der Spaß vorbei.

In den gut 90 Minuten zuvor allerdings gab es durchaus was zu lachen. Fritsch ist in seinen Abenden nach "Die (s)panischen Fliege" immer dadaistischer, abstrakter geworden, macht wortkarges Theater, das vom optischen Witz lebt, von stummfilmhafter Übertreibung und grotesker Körperkomik. Mit dem Vorteil, dass sich in seine so grellen wie komischen Bilderwelten alles Mögliche hineininterpretieren lässt, die große Gesellschaftskritik wie der hemmungslose Nonsens.

Auch in "Pfusch". Denn wofür steht der Titel? Für Dercon? Das Theater an sich? Und die große Röhre, außen schwarz, innen rot, die auf der Bühne liegt und aus der nach und nach die Schauspieler stolpern? Für die Kanalisation? Kanonen? Einen Geburtskanal? Einmal kalauert ein Schauspieler: "Hey Leute, lasst uns in die Röhre schauen!"

Außerdem lässt sich das Ding wunderbar vor- und zurückrollen, mit Menschen drin und Menschen drauf, die dann ziemlich akrobatisch darauf balancieren oder daran herabgleiten und ihm immer im letzten Moment entkommen. Was hier besonders absurd wirkt, weil die neun Männer und vier Frauen in pastellfarbenen Sommerkleidchen und schwarzen Lackschuhen von Kostümbildnerin Victoria Behr stecken, während sich auf ihren Köpfen zum Teil absurde Perücken türmen. Angeranzte, hohläugige alte Jungfern sind das mit einem angefressenen Grinsen im Gesicht.

Nachdem sie genug mit der Röhre gespielt haben, trippeln sie an die Rampe, wo das Orchestergrabenpodest rauf- und runterfährt mit seinen zehn Klavieren. Hier übernimmt Ingo Günther im roten Kleid das Kommando: Ekstatisch lachen die Schauspieler auf und hauen dabei Akkorde in die Tasten, mit einzelnen Fingern, ganzen Händen, den Füßen, ein Höllenklavierorchester! Das klingt wie Minimal Music auf Speed, eine beeindruckende, rhythmisch zuckende, hypnotische Komposition, die immer variantenreicher und bei allem Quatsch drumherum äußerst präzise performt wird.

Und Quatsch gibt's reichlich: Da springen zwei der alten Jungfern im Takt von Klavier zu Klavier, da wird jeder Tonwechsel wild bejubelt, da verkündet Hubert Wild mit der Anmutung einer verwitterten Südstaatenschönheit in eine Pause hinein: "Heute gibt's nur Achtel." Was sich sowohl auf ein Weinglasmaß bezieht wie auf die immer gleichen Notenwerte im Akkordgewitter. Dann wieder hüpfen in einer Musikpause alle auf der Bühne auf und ab, rufen gemeinsam "Schön!" wie altgewordene Kinder. Später kommen sie in Badehosen und Bikinis auf die Bühne, die aussehen wie von Playmobilfiguren geborgt, und mit Badekappen, die an Stahlhelme erinnern. Das rechteckige Loch verwandelt sich in einen Pool gefüllt mit blauen Schaumstoffwürfeln. Wer hier reinspringt, bleibt in dieser Position stecken. Das ist ebenso komisch wie die riesigen roten Pfeile im Bühnenhimmel und Wolfram Kochs umständlicher Versuch, vom Sprungbrett zu hüpfen: Erst macht er sich ausführlich warm, dann nass – und schließlich bricht unter ihm die Brettspitze ab. Hier schlägt er doch noch zu, der Pfusch.

Immerhin funktioniert das Trampolin auf dem Poolboden, das in der "Fliege" die wichtigste Nebenrolle spielte. So summiert Fritsch zum Abschied in vielen Zitaten fünf Jahre Regie an der Volksbühne. Dass der Abend nicht ganz so dicht wirkt wie die meisten zuvor, ist dabei kein Drama. Schließlich ist "Pfusch" nicht Fritschs letztes Wort in Berlin. Wenn er zur nächsten Spielzeit mit seiner Truppe an die Schaubühne wechselt, dann ist das mal wieder ein Neubeginn.


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