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17.01.2017

Berliner Morgenpost: Diese Oper hätte den Soundtrack zum Brexit bilden können

"King Arthur" an der Staatsoper – Die Einzelteile sind allesamt beachtlich, aber es entsteht kein Ganzes

Mit Legenden ist das so eine Sache: Schön sind sie, aber auch gut instrumentalisierbar für die nationale Sache. Wie König Artus. Den hat es vermutlich nie gegeben. Aber die Legende sagt, dass der Britenkönig den heidnischen Sachsenherrscher Oswald besiegte. Briten und Angelsachsen wurden ein Volk – ein englischer Gründungsmythos, der später regelmäßig zur Glorifizierung britischer Herrscher ausgeschlachtet wurde.

 

So auch von John Dryden, Hofdichter unter Charles II., der mit "King Arthur" die damals in England beliebte Form der Semi-Oper bediente – durchkomponierte Opern waren in London Ende des 17. Jahrhunderts die Ausnahme. Henry Purcell komponierte dazu 1691 herrliche Musik – nur leider nicht für die Hauptrollen und die wesentlichen Momente, sondern für Geister und allegorisches Personal, überhaupt für Szenen, die die Handlung eher aufhalten als sie voranzutreiben. Und für einen Schluss, der in seiner englandseligen Übertreibung den Soundtrack zum Brexit hätte bilden können.

Was macht man also mit diesem Bühnen-Mischling, dessen Geschichte in Versen zu gruselig ist fürs Weihnachtsmärchen und zu heldenhaft verschmockt für die Gegenwart? Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch haben an der Staatsoper um die alte eine neue Geschichte gestrickt, die im England der 1940er-Jahre spielt: Ein Junge, dessen Vater als Pilot im Zweiten Weltkrieg gefallen ist und der so gar nicht damit einverstanden ist, dass seine Mutter schon wieder mit dem Nächsten anbandelt, träumt sich in die Artus-Sagenwelt hinein. Realität und Fiktion vermischen sich: Seine Mutter wird zur umkämpften Emmeline, sein Vater zu King Arthur, der Neue der Mutter zum bösen Oswald.

Dafür fahren Bechtolf und Crouch (der auch die Bühne entwarf) ein prachtvoll-fantasievolles Setting auf, das mit seinen Schauwerten beeindruckt: Durch die Strenge der englischen Streifentapete bricht ungezügelte Fabulierlust auf die Bühne mit Geistern, Zauberern und weiteren Fantasiegeschöpfen. Bechtolfs und Crouchs These: Eine nationale Heldenverehrung mündet schnell im nächsten Krieg. Wobei sie dabei gelegentlich über ihren Anspruch stolpern: Wenn der kleine Junge mit seinem Spielzeugbomber offensichtlich deutsche Städte dem Erdboden gleichmacht und dazu kleine Gebäude-Aufsteller im Boden versinken, dann wirkt das ebenso harmlos, ja verharmlosend wie die Kulisse einer ausgebombten Stadt, vor der die Menschen im berühmten "Cold Song" bibbern.

Nicht nur Kulissenzauber und Botschaft, auch die Szene und Purcells Musik gehen zu selten zusammen. Dabei geben sich alle große Mühe, beide Ebenen miteinander zu verschränken. Barockspezialist René Jacobs etwa hat weitere Purcell-Kompositionen herangezogen, um Sprechszenen zu untermalen und so den Bruch zwischen den musikalischen Inseln und den dominierenden Dramenpassagen zu kitten. Was aber vor allem bewirkt, dass man sich wünscht, die Schauspieler mögen schweigen, damit man sich endlich auf die Akademie für Alte Musik konzentrieren kann. Durch geschickte Akzentuierungen, rhythmische Finessen und den unbedingten Willen zum barocken Swing setzen Jacobs und seine Musiker zahllose Glanzlichter.

Unter den Solisten gelingt das am Spektakulärsten den beiden Sopranen Anett Fritsch und Robin Johannsen. Aber auch die anderen glänzen in einer Vielzahl von Minirollen und Kurzauftritten. Großartig etwa, wenn Mark Milhofer im Finaltaumel im gestelzten British English eine Werbepause ankündigt und er dann als Boygroup zusammen mit Stephan Rügamer und Johannes Weisser die englische Wolle besingt.

So geschieht das Merkwürdige: Die Einzelteile sind allesamt beachtlich, der Aufwand groß. Und dennoch ergibt sich kein lebendiges Musiktheater.


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