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05.02.2017

Berliner Morgenpost: Die Zivilisation ist eine geschmacklose Gated Community

Alexander Nerlich bringt „Das goldene Vlies“ mit einem lässig heutigen Anstrich auf die Bühne

Kolchis ist eine finstere Gegend: Nebel wabert zwischen abgestorbenem Geäst, in dem sich Fellreste und Tiergerippe verheddert haben. Alle sind hier gezeichnet mit schwarzen Schlieren an Gesicht und Händen. Ob König oder fremder Held – niemand wird sie los.

Kolchis ist die Fremde, Griechenland die Zivilisation in Friedrich Grillparzers Dramendreiteiler "Das goldene Vlies" von 1819. In formvollendeten Blankversen erzählt er den Mythos von Medea und Jason: Wie Phryxus von einem unbekannten Gott das goldene Vlies überreicht bekommt, er damit nach Kolchis gelangt, dort von Medeas Vater ermordet wird. Wie Jason kommt, um dieses Vlies zu erobern, Medea ihn töten soll, sich stattdessen in ihn verliebt und wegen ihm alles zurücklässt. Wie die beiden in Griechenland abgelehnt werden, bis Jason Medea verstößt, ihr nicht mal die Kinder lassen will – und Medea sie aus Verzweiflung tötet.

Grillparzers Trilogie reicht locker für zwei Abende. Im Potsdamer Hans Otto Theater braucht Regisseur Alexander Nerlich nur drei Stunden, um das Drama zu erzählen. Dabei verflicht er vor allem im ersten Teil geschickt den stark gekürzten Text: Vergangenheit (der Mord an Phryxus) und Gegenwart (Jasons Ankunft) durchdringen einander, weil sich zur erwachsenen noch eine kindliche Medea gesellt (die äußerst markante Renée Gerschke). Fremd und düster pinselt Nerlich die Ereignisse in Kolchis aus, zeigt Medea als wildes Wesen und starke Frau. Ein echtes Titanenpaar sind Marianna Linden und Florian Schmidtke hier, die sich ineinander verkeilen und verbeißen, dass es eine kampfchoreografische Freude ist. Ganzkörperschauspieler, die verbal und körperlich miteinander ringen. In Griechenland ist davon nichts mehr zu sehen: Medea versucht sich als Weibchen, steckt irgendwann in weißer Hose und Bluse. Die Zivilisation ist eine geschmacklose Gated Community aus Garagentor-Wänden und Kunststein (Bühne: Tine Becker), die der Fremden lediglich eine einzige Chance gibt, sich zu bewähren.

Was der Grund ist, warum Medea-Dramen gerade rauf und runter inszeniert werden – die Parallelen zum Heute sind offensichtlich. Deshalb spitzt Nerlich auch den Kontrast der Welten so zu – und positioniert sich mit seinem aseptischen Zivilisationsalbtraum klar gegen Europas Abschottung. Schade nur, dass er dabei eher auf Pathosvermeidung setzt. Viele seiner Schauspieler holen aus Grillparzers Versen weniger, als drinsteckt, sprechen sie zu oft lässig dahin, unterspielen die krassesten Konflikte. Das gibt – zusammen mit Einschüben wie "Krieg ist Scheiße, hat aber einen geilen Sound" – dem Ganzen zwar einen lässig heutigen Anstrich. Aber es nimmt ihm auch einiges an Dringlichkeit, Ambivalenz, Spannung. Obwohl Malte Preuß in seinem Soundtrack raunt, knarzt, dräut, verlangsamt sich der Puls des Abends nach der Pause derart, dass die ikonischsten Momente dieser Wahnsinnsstory unter die Räder kommen, etwa der Kindermord. So bleibt die Inszenierung ein spannender Versuch, der sein Versprechen nicht ganz einlösen kann.


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