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02.02.2017

Berliner Morgenpost: Wunsch und Wirklichkeit

Die Schmerzpunkte werden weggelacht: Torsten Fischer inszeniert am Renaissance-Theater „Wunschkinder“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Was ist nur in diesen Jungen gefahren? Gerade hat Marc das Abi mit Ach und Krach geschafft, jetzt hängt er rum, kifft, geht auf Partys, hört Musik – und scheint sich nicht die Bohne für seine Zukunft zu interessieren. Dabei stehen ihm alle Türen offen: Sein Vater verdient gut, seine Mutter macht ihm immer noch die Wäsche in ihrem Haus in Falkensee. Trotzdem blaffen sich alle gegenseitig an in "Wunschkinder", dem neuen, 2016 in Bochum uraufgeführten Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.

Mit seinen Stücken, die zu den erfolgreichsten der Gegenwart gehören, beackert das Autorenpaar ein ergiebiges Feld zwischen Boulevardkomödie und Problemstück. Auch "Wunschkinder" verhandelt bald statt der Konflikte einer wohlhabenden Familie mit ihrem einzigen Sprössling Fragen wie Abtreibung, Teenagerschwangerschaft und soziale Ungleichheit, als Marcs Freundin Selma schwanger wird. Dabei hatte sie gerade ihr Leben so gut im Griff, machte das Abi nach, stemmte zwei Jobs, kümmerte sich um ihre kranke Mutter, die in der Schering-Kantine arbeitete.

Das Renaissance-Theater hat mit "Blütenträume" über Singles im Rentneralter und "Richtfest" über die Tücken einer Baugemeinschaft schon gute Erfahrungen mit Hübner-Stücken gemacht hat. Mit "Wunschkinder" erweitert es die bisherige bürgerliche Themenpalette um ein paar aufschlussreiche Problemfelder: Macht Geld Menschen zu besseren Eltern? Ist soziales Engagement nur etwas für junge Leute und Altlinke? Und wie geht man am Besten um mit spätpubertierenden Jugendlichen? Ihnen Angebote machen? Sie sich selbst finden lassen? Sie rausschmeißen? Da müsste man allerdings erst mal mit dem Helikoptern aufhören.

Jede Menge Stoff ist das für eine Schauspielerriege, um sich diese zugespitzten, aber auch widersprüchlichen Figuren anzueignen. Regisseur Torsten Fischer treibt sie in einem Mischort von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos aufeinander: Rechts öffnet sich eine schrabbelige Altbauflügeltür, links eine kleine weiße wie aus einem Eigenheim-Neubau. Ein paar Polster liegen herum, dazu gibt's Stühle, bei denen nicht klar ist, ob sie noch Retroschick besitzen oder schon verschlissen sind. Von der hohen Decke hängen Turnringe. Hinten aber weitet sich auf einer riesigen Fototapete eine triste Landschaft – die Seelenlage aller Beteiligten zwischen Aufbruch und Resignation.

In diesem Raum lässt Fischer anfangs die Pointen lustvoll prickeln. Je dringlicher aber die Probleme werden, desto stärker montiert er Szenen ineinander: Da wird ein Telefon- zum realen Gespräch, da versucht Heidrun ihre Tochter zu erreichen, während sich gleichzeitig Marcs Eltern Bettine und Gerd beharken. Das verwirrt manchmal, schafft aber auch eine dichte Atmosphäre. Zudem haben Fischer und das Renaissance-Team die Rollen gegen den Strich besetzt, die Schauspieler also untypisch besetzt. Das allerdings geht nur bedingt gut. Etwa bei Angelika Milster, die in ihrer absolut undivenhafte Rolle der coolen Tante mit Lederjacke den Vermittlerjob übernimmt. Oder bei Judith Rosmair, die ihre jugendliche Schönheit mit schlimmer Frisur und vielen Ticks wegspielt, dabei aber ihre verwirrte Heidrun mit einer guten Portion Würde grundiert.

Emma Lotta Wegners toughe Selma aber bleibt ebenso blass wie Arne Gottschling: Sein Marc ist ein bemüht jugendlicher Spargeltarzan, der sich anfangs angeberisch an Turnringen abmüht, später auch dann noch blasiert seine Sätze absondert, als die Lage längst ernst ist. Kein Wunder, dass seinem Vater – Typ "Wer bezahlt, hat auch ein Mitspracherecht" – die Zuschauerherzen zufliegen, auch als er sich weigert, auf ein Willkommensfest für Flüchtlinge zu gehen: "Ich hab' gespendet, ich muss die nicht auch noch umarmen." Bei solchen Pointen hat Klaus Christian Schreiber als Vater Gerd seine großen Momente. Wenn die Probleme existenzieller werden, fehlt es ihm ebenso an selbstzweifelnden Momenten wie Simone Thomalla, die als Mutter Bettine langbeinig herumstolziert und im Gespräch mit ihrem Sohn wirkt, als wäre er ihr Lover: eine gelangweilte Tussi, die zunehmend zu Brüllattacken neigt.

Einmal immerhin zeigt sie, was in dieser Rolle steckt. Da macht Bettine Heidrun das Angebot, Selmas Kind aufzuziehen und dafür Selma finanziell zu unterstützen. Heidrun durchschaut den Kuhhandel, wirft ihr das auch vor. Wie Thomalla da ganz still wird unter den stechenden Blicken Rosmairs, wie sie zu schrumpfen scheint, zu welken, ihre Sehnsucht nach einem Neuanfang implodiert, das ist stark. Aber gleich darauf wird der Abend wieder hemdsärmelig, zudem franst gegen Ende die Handlung aus, weil Hübner und Nemitz unbedingt alle Erzählstränge zu Ende bringen und einen versöhnlichen Ausblick geben wollen. Amüsieren kann man sich also am Renaissance-Theater prächtig. Nur die Schmerzpunkte in "Wunschkinder" kommen hier eindeutig zu kurz.


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