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12.02.2017

adelante-festival.de: Parabeln in Styropor

"A tragédia latino-americana" – Zur Eröffnung von ¡Adelante! zelebriert Felipe Hirsch eine Sprechoper

Wenn Kinder mit Bauklötzen spielen, dann funktioniert das nach dem Prinzip aufbauen, einreißen, was Neues aufbauen. So ungefähr passiert das auch mit den großen Styroporquadern, die anfangs in "A tragédia latino-americana" eine Mauer bilden: Mal wirken sie wie Caspar David Friedrichs Eismeer, dann bilden sie eine plane Fläche, aus der immer mehr Blöcke herausgepickt werden. Am Ende stapeln die Schauspieler*innen sie wieder zu einer Mauer, die unerklimmbar erscheint. Dann aber stürzt sie erneut in sich zusammen.

Steht am Ende immer das Chaos – oder der Neuanfang? Kommt ganz auf die Persepktive an. Regisseur Filipe Hirsch und Dramaturg Ruy Filho scheinen nicht besonders optimistisch zu sein, was die Menschheit im Allgemeinen und die lateinamerikanischen Kulturen im Besonderen anbelangt. Sie haben Texte von 24 lateinamerikanischen Autoren zu einer literarischen Nummernrevue montiert. In der Eröffnungsnummer begrüßen die elf Schauspieler*innen historische und aktuelle Persönlichkeiten, die alle Dreck am Stecken haben. Zum Beispiel den Bauunternehmer Odebrecht, ohne den in Lateinamerika nichts mehr geht, der aber in einen riesigen Korruptionsskandal verwickelt ist. Oder Samarco, jener Minenbetreiber, dessen geborstenes Klärbecken vor einem guten Jahr den Rio Doce verseuchte – auf unabsehbare Zeit.

Schon ist der Grundton angeschlagen für diese lateinamerikanische Tragödie: Gier, Korruption, die Macho-Kultur (auf die die meisten Texte allerdings selbst reinfallen), der Kontrast zwischen Arm und Reich, das schwierige Verhältnis zu den einstigen Mutterkulturen und Kolonialmächten Spanien und Portugal, die ewige Suche nach einer Identität. Man versteht, warum das Festival diese Produktion an ihren Beginn gestellt hat.

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