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27.02.2017

Berliner Morgenpost: Den Weltuntergang wegwischen

Maria Furtwängler spielt "Alles muss glänzen" im Theater am Kurfürstendamm

Der Weltuntergang hat Rebecca gerade noch gefehlt! Schließlich probiert sie ein neues Rezept aus, muss die Tochter zum Abschlussball fertiggemacht werden, wartet sie darauf, dass ihre verstreute Familie sich wieder einfindet. Aber dass die nach und nach eintreffenden Menschen den Küchenboden vollschmutzen, bloß weil draußen die Sintflut steigt, geht auch nicht. Also schnappt sich Rebecca den Wischmob und macht, was sie immer gemacht hat: Sie bringt es in Ordnung.

„Alles muss glänzen“ heißt denn auch das Stück, in dem der US-amerikanische Dramatiker Noah Haidle ein Hausfrauenschicksal mit der Apokalypse verknüpft. Dafür wählten es die Kritiker des Fachmagazins Theater heute 2015 zum Stück des Jahres. Haidles Werke sind böse Gesellschaftsporträts voller literarischer Anspielungen und surrealer Momente, außerdem herrliches Schauspielerfutter. Santinis production haben jedenfalls gut daran getan, sich wie schon bei ihrem letzten großen Hit „Eine Familie“ einen erstklassigen Stoff zu sichern, der in Berlin noch nicht zu sehen war. Wo „Eine Familie“ allerdings eine ganze Reihe von Stars präsentierte, setzt „Alles muss glänzen“ im Theater am Kurfürstendamm ganz auf Maria Furtwängler in ihrer ersten Bühnenhauptrolle. Optisch ist sie schon mal ein Knaller, entspricht sie doch exakt der Rollenbeschreibung: Ende 40, aber jünger aussehend, im roten Petticoat mit kleiner weißer Schürze, in ebenso roten Pumps. Jeder Zoll eine ehemalige Abschlussball-Königin.

Die Krönung damals gemeinsam mit ihrem Prom-Date, der später ihr Mann wurde, war der Wendepunkt in Rebeccas Leben: kein Studium für die begabte junge Frau, stattdessen Heirat, Hausfrau und Mutter. Weil das nun einmal ihr Leben ist, setzt Rebecca alles daran, es vor sich und den anderen zu rechtfertigen.

Die anderen, das sind ihre Tochter und deren Abschlussballdate, ihre Nachbarin und Freundin, der ehemalige Lateinlehrer, ein Zeuge Jehovas. Wie sie ihnen begegnet, wie sie sich an ihre Lebenslügen klammert, wie sie noch die absurdesten Katastrophen wegsteckt, ja: ignoriert und immer an das Wunder glaubt, dass am Ende alles gut wird und auch Mann und Sohn wieder zu ihr zurückkehren, das macht „Alles muss glänzen“ zu einem Paradestück in Zeiten von Donald Trump. Die Sintflut etwa kann man als Metapher nehmen, aber auch als konkrete Folgen des Klimawandels. Das Wasser steigt, auch wenn Rebecca es ignoriert, es gibt Tote, die Rebecca hätte verhindern können. Aber Rebecca schaut weg und zelebriert Normalität.

Dass vieles von dem, was sich surreal überspitzt abspielt, nur in Rebeccas Kopf zutragen könnte, deuten Regisseur Ilan Ronen und seine Bühnenbildnerin Sylvia Rieger dezent an: Denn die perfekte Küche, die ebenso ein Idealbild der 50er Jahre ist wie Miriam Martos Kostüme und die Musik aus dem Radio (die Ben Becker moderiert), fährt irgendwann nach hinten, zeigt immer mehr den Riss in der Kulisse der Welt.

Hier spielt Maria Furtwängler ihre Rebecca mit einer Aura der Unantastbarkeit, einer undurchdringlichen Maske der freundlichen Indifferenz, die sie nur selten fallenlässt. Etwa in der großartigen Szene, als Gary aufkreuzt, das Ball-Date ihrer Tochter. Denn der Schauspieler Jerry Hoffmann, der schon am Ballhaus Naunynstraße und am Gorki Theater bewiesen hat, dass in ihm ein begnadeter Komödiant steckt, ist schwarz. Wie  Furtwängler die Gesichtszüge entgleisen, wie sie ihn umkreist und irritiert zu Feudeln und Tüchern greift, damit Gary bloß nicht den Boden und die Möbel dreckig macht, ist eine großartige Rassismus-Studie. Erst als er ihr Komplimente macht, taut sie auf – dafür schickt sie auch ihre Tochter, die Sarah Alles überzeugend als ernsthaft verstörten Teenie anlegt, mehrfach zurück aufs Zimmer.

Das ist perfekt getimte böse Komödie, und da hat Furtwängler ebenso ihre großen Momente wie in der anderen Szene mit Hoffmann, der jetzt herrlich überdreht einen fanatischen Zeugen Jehovas spielt. Da verteidigt sie in einem großen Monolog nicht nur ihre Leistung als Zentrum der Familie, sondern schnappt sich ein Mikro und hält an der Rampe ein flammendes Plädoyer für alle Hausfrauen und Mütter. Ein starker Moment, den man so sonst eher am Gorki Theater oder an der Volksbühne erlebt.

Daneben aber bleibt der Abend erstaunlich blass. Gerade in den wichtigen Szenen mit der Freundin Gladys, die sich in Rebeccas Badezimmer umbringt, oder mit dem Vergewaltiger, der sich als Lateinlehrer herausstellt, entsteht keine Spannung, weil Furtwängler, Anna Stieblich und Ludger Pistor die dramatischen Zuspitzungen nicht auskosten, sondern Dialoge absolvieren.

Am Ende bleibt das starke Bild einer Mutter, die kämpft, um ihr Bild einer Ehe, ihre Familie, ihre Selbstachtung. Auch wenn sie weiß, dass dieser Kampf vergeblich ist.


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