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12.03.2017

Berliner Morgenpost: Schnappschüsse des Lebens

Suzanne von Borsody feiert am Freitagam Renaissance-Theater Premiere mit dem Stück "Konstellationen"

Nur wenige Frauen sind im deutschen Film und Fernsehen derart präsent wie Suzanne von Borsody. Die TV-Programme vom März und April listen im Schnitt zwei Filme pro Woche mit ihr – vom beeindruckenden Scientologiedrama „Bis nichts mehr bleibt“ bis zu Unterhaltung wie „Schicksalstage in Bangkok“. In Berlin ist von Borsody allerdings auch live zu erleben – am Freitag hat „Konstellationen“ am Renaissance-Theater Premiere.

Das Stück von Nick Payne, einem der großen Nachwuchstalente unter den britischen Dramatikern, ist ziemlich komplex. „Wir haben es aus dem Bauch heraus ausgewählt“, sagt von Borsody, auf der Suche nach einem Stoff für das bewährte Team – zusammen mit Guntbert Warns und Regisseur Antoine Uitdehaag sorgte sie schon für den Renaissance-Erfolg „Der letzte Vorhang“. Jetzt, bei den Proben, hat von Borsody oft „Kopfmuskelkater, weil es keine stringent durchgehende Geschichte gibt. Wenn man spielt, muss man schließlich wissen, was man redet.“

Und das ist in „Konstellationen“ gar nicht so einfach. 68 kleine Szenen zeigen in immer neuen Variationen Begegnungen zwischen der Quantenphysikerin Marianne und dem Imker Roland – von der anfänglichen Leidenschaft über den ersten Seitensprung bis hin zum Tod. Doch in das übliche Beziehungsdrama funkt Mariannes Forschungsgebiet, das Multiversum: Gesetzt den Fall, dass es eine unüberschaubare Anzahl von Paralleluniversen gibt, die sich bei jeder gefällten Entscheidung weiter verzweigen, existiert auch unser Leben in unendlich vielen Varianten.

„Das Stück ist mind-blowing“, sagt von Borsody – und meint damit die sowohl heraus- als auch überfordernde und dabei enorm anregende Denk-Ebene von „Konstellationen“, das in seinen „Schnappschüssen des Lebens“ lässig Themen wie den Sinn des Lebens oder des Glaubens verhandelt. „Das ist was zum Nachdenken, dabei hoffnungsvoll, obwohl es manchmal tragisch ist.“ Aber auch komisch. Welche Seite am Ende überwiegt, wird ohnehin das Publikum entscheiden, sagt von Borsody.

Zu Beginn unseres Gesprächs im Brucknerfoyer des Renaissance-Theaters klappt sie die rote Mappe mit ihrem Rollenbuch zu – am Mittwoch beginnen die Voraufführungen, bis dahin muss alles sitzen. Und das ist nicht nur schwer, weil die Handlung vor- und zurückspringt und manchmal Details voraussetzt, die nicht mitgespielt werden. Sondern auch, weil es im Text viele kleine Wiederholungen gibt, Stotterer fast, die von Borsody mit ihrer warmen Stimme demonstriert. Das muss sitzen, damit es nicht wie ein Texthänger wirkt oder, noch schlimmer, wie auswendig gelernt. „Das ist wie die Kür beim Eiskunstlauf“, sagt von Borsody. „Wenn es so leicht aussieht, dass man denkt: Das kann ich auch, dann ist es gut.“

Auf der Bühne an ihrer Seite: Guntbert Warns, ein Freund seit weit über 30 Jahren. „Der rote Faden sind wir zwei“, sagt von Borsody. „Man sieht immer auch Gunze und Suzanne, das ist ein Teil dieser Vertrautheit, die Marianne und Roland haben.“ Kennengelernt haben sie sich Anfang der 80er in Frankfurt über den Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Heinz Werner Kraehkamp, lange bevor sie am Berliner Schillertheater als Ensemblekollegen gemeinsam auf der Bühne standen, später auch vor der Kamera. Ein idealer Bühnenpartner, weil beide ein Grundvertrauen teilen und den Humor: „Es gibt bei uns ein Wissen darum, dass man dem Anderen alles tut, was er braucht, um sich auf der Bühne wohlzufühlen.“

Das Schillertheater wurde 1993 geschlossen. Damals gewann von Borsodys Filmkarriere so richtig an Schwung – seitdem wählt sie genau aus, was und mit wem sie Theater macht. Ein Schock war die Schließung dennoch: „Zu merken, dass man nur Ware ist, ein Auslaufmodell, etwas, dass contre coeur geht, also gegen das Herz, das man jeden Abend nackt und bloß auf die Bühne legt.“ Dass sie sich seitdem nicht mehr neu verpflichtet hat, sondern nur noch in Ausnahmen auf der Bühne zu sehen ist, meist an ihrem „Vaterhaus“, dem Renaissance-Theater, hat aber auch seine Gründe: „Nach 13 Jahren festen Engagements, in denen ich die Fahne mit immer neuen Botschaften und Schlagwörtern hochgehalten habe, war der Arm auch ein bisschen müde.“

Müde wirkt sie gerade gar nicht, trotz der intensiven Proben. Während des Gesprächs raucht sie zwei, drei Zigaretten so elegant und diskret, dass man es kaum wahrnimmt. Sie nimmt sich Zeit für ihre Antworten, lange, schöne Sätze, denen sie manchmal nachhört, als wären es Dichterworte. Eine Schauspielerin, die verstehen will, was sie da sagt und tut – und genau deshalb das Theater liebt. „Theater ist die Wurzel des Berufs, weil man ein Stück so auseinandernimmt, dass ich jedes Mal wieder etwas lerne.“ Anders als beim Film, wo man die Vorarbeit alleine macht und dann seine Vorschläge schnell und flexibel an die Situation anpassen muss, entwickelt beim Theater das Team gemeinsam einen Abend. Und: Schummeln geht nicht. Von Borsody hat dafür ein schönes Bild: „Wenn man einen schlechten Stepptänzer spielen soll, kann man beim Film die Beine eines Doubles reinschneiden. Beim Theater muss man perfekt steppen lernen, um überzeugend zu scheitern.“

Es ist faszinierend, mit von Borsody über Theater und Film zu reden, weil da ein Leben an Erfahrung zusammenkommt. Von Geburt an: Ihre Eltern waren Schauspieler, der Großvater Filmregisseur: „Da lernt man, dass bestimmte Gepflogenheiten und Arbeitszeiten völlig normal sind.“ Ihre Mutter Rosemarie Fendel hat ihr einen Rat mitgegeben, wie sie sich Rollen aneignen solle: „Mach dich auf, lass dich zu, gib dich hin.“ Klingt gut, ist das aber nicht auch ein bisschen gefährlich, sich derart angreifbar zu machen? „Wir sind als Schauspieler emotionale Schwerstarbeiter, weil man sich emotional nackt macht“, sagt von Borsody. Es gehört zu den Wundern des Theaters, dass wir dabei zuschauen dürfen.


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