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11.04.2017

Berliner Morgenpost: Vereint zum flirrenden Strom

Claus Guth inszeniert Richard Strauss’ 1919 uraufgeführte Oper „Die Frau ohne Schatten“ an der Staatsoper im Schiller-Theater

Um die Patientin steht es ernst. Der Arzt, der ihr den Puls fühlt, blickt besorgt, der Gatte mutlos. Was nun beginnt, ist ein Kampf um Leben und Tod – eine medizinische Krisis, die die Patientin als Fiebertraum durchlebt.

Eine Oper als Traum zu inszenieren, um ihre logischen Schwierigkeiten zu bewältigen, ist keine ganz neue Idee. Aber die Umsicht, mit der Claus Guth die psychologischen Fäden aufnimmt, die Hugo von Hofmannsthal in seinem Libretto zu Richard Strauss’ 1919 uraufgeführter Oper „Die Frau ohne Schatten“ gesponnen hat, überzeugt. Nach Stationen in Mailand und London ist die Produktion als Festtage-Premiere an der Staatsoper angekommen. Und sie hat, obwohl fünf Jahre alt, nichts von ihrer Frische verloren. Was zum einen an der bezwingenden Traumlogik liegt, mit der Guth das symbolschwere Märchen zu einer erstaunlich klaren Erzählung macht. Im Märchen braucht die Kaiserin einen Schatten, um Kinder bekommen zu können, und das innerhalb von drei Tagen, weil sonst der Kaiser versteinert. Den Schatten sucht sie mit Hilfe ihrer teuflischen Amme bei der frustrierten Färberin, die sich in ihrer Ehe gefangen fühlt. Die Kaiserin aber erkennt, dass das Färberpaar zusammengehört, verzichtet – und rettet so am Ende alle.

Die Rückwand des dunkel getäfelten, eleganten Halbrunds, mit dem Ausstatter Christian Schmidt die Handlung ebenso in der Entstehungszeit verortet wie mit den bürgerlichen Kostümen, öffnet sich für Szenen des Magischen, des Unbewussten, zeigt die Wünsche der Färberin, ein Felsmassiv, das Gericht. Die bürgerliche Welt prägt natürlich auch den Traum, wo die Flügel der unheimlichen Geister aussehen wie von Max Klinger gezeichnet. Weil das alles ein Traum ist, wirken auch die Symboltiere – ein Gazellenbock für den Geisterkönig Keikobad, ein Falke für den Kaiser, eine Gazelle für die Kaiserin – absolut schlüssig. Mit Videoprojektionen holt Guth zudem Donnerblitz und Wassermassen auf die Bühne, Urelemente als Seelenbilder, einmal auch als Zeit- und Raum-Tunnel, durch den Kaiserin und Amme aus der Geister- in die Menschenwelt wechseln.

Das atmet ebenso Hollywood wie der fantastische Surround-Sound, der aus dem Graben dringt. Dass diese „Frau ohne Schatten“ an der Staatsoper so unerhört frisch wirkt und jeden Euro der teuren Festtagspreise lohnt, liegt nämlich in erster Linie an Zubin Mehta. Was er mit der Staatskapelle veranstaltet, ist phänomenal! Jedes Detail von Strauss’ Partitur, die für das Märchen einen riesigen Aufwand betreibt in Orchesterbesetzung und Struktur, arbeitet er klar heraus. Jedes Crescendo ist ein komplexes Gebilde von Einzelstimmen, die sich zu einem flirrenden Strom vereinen. Noch im höllischen Chaos, das die Amme aus der Oper verabschiedet, erkennt man alle widerstreitenden Linien. Zugleich aber drängt der Klang in den Rausch, ins Orgiastische hinein, vibriert die Musik von einer Sinnlichkeit, die einem zuweilen buchstäblich den Atem raubt.

Dabei bleibt Mehta immer bei seinen Sängern, deren Stimmen sich organisch in den Klangstrom fügen und nur selten übertönt werden. Etwa Camilla Nylund, deren jugendliche Kaiserin optisch an die junge Catherine Deneuve erinnert. Auch ihr Sopran strahlt jugendlich, mühelos und dabei hochkultiviert – hier formt sich ein Klang, der tatsächlich manchmal an Mozart erinnert, an dem sich Hofmannsthal und Strauss orientiert haben wollen. Raumgreifender tritt Iréne Theorin auf, die ihre Färberin mit allen Symptomen der Hysterie ausstattet: eine tigernde Diva, deren Stimmung immerfort wechselt und deren innerer Druck sich mit höchster Expressivität Bahn bricht – eine verschwenderische, aufpeitschende Glut, ungeheuer farbenreich und unerschöpflich.

Noch menschlicher in seiner schlichten Verzweiflung legt Wolfgang Koch seinen Färber an. Sein erdiger Bariton mit lichten Höhen pendelt zwischen Umarmung und Rückzug – man hört das, noch bevor man sieht, mit welcher störrischen Unruhe er über die Bühne tapst. Da ist Michaela Schuster, mit der Claus Guth die Rolle der Amme schon in Mailand erarbeitete, szenisch viel eindeutiger, eine Teufelin von Mephistos Gnaden, wie einem expressionistischen Stummfilm entsprungen. Mit welcher Lust sie sich in die Details stürzt, welche Farben sie für die zynisch-schnippisch-dämonischen Wendungen entdeckt, lässt locker über ihre scharfen Höhen hinweghören. Burkhard Fritz bleibt als Kaiser selbst eher statische Figur, glänzt zwar in den Spitzentönen der äußerst unbequemen Lage, vermag darüber hinaus aber wenig zu gestalten.

Sie alle folgen Guths Interpretation, die mit vielen Spiegel-Momenten – je nach Stimmungslage bilden mal die Färberin und die Amme ein Paar, mal wirken Färberin und Kaiserin wie Schwestern – und großartigen Verwandlungen die Geschichte eines Reifungs- und Emanzipationsprozesses erzählt. Dabei vermittelt er zwischen filmischem Pathos und konkreten, eher familiären Momenten, löst die vielen Szenenwechsel so geschickt, dass man auch ohne genaue Vorkenntnisse der komplexen Handlung folgen kann. Am Ende hat sich die Kaiserin aus dem Einflussbereich ihres autoritären Vaters befreit, ist menschlich geworden. Die medizinische Krisis ist überstanden. Nur der verwunderte Blick der Patientin und der fragende der Krankenschwester deuten an, dass es hier um Leben und Tod ging.


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