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03.05.2017

Heidelberger Stückemarkt: Gefährliche Faszination

Djihad Paradise – Ronny Jakubaschks Hallenser Adaption des Roman über die Radikalisierung zweier Jugendlicher

Was macht einen Jugendlichen zum Dschihadisten? Vielleicht Folgendes: Vater Suffkopp, Mutter abgehauen, Schule scheiße, Konto leer. Also vertickt Julian Drogen, steigt auch mal in anderer Leute Wohnungen – und landet im Knast. Hier lernt er Murat kennen und mit ihm beten. Wieder draußen, überzeugt er seine Freundin Romea von der Schönheit des Glaubens. Gemeinsam brennen sie durch: in die Arme einer Bruderschaft. Dort werden sie verheiratet, Julian und Murat aber gleich weiter zur Koranschule nach Alexandria geschickt. Auserwählte, die später im Dschihadistencamp landen. Und längst nichts mehr zu verlieren haben. 

Viel Stoff und harter Tobak, den Anna Kuschnarowa da in ihrem Roman "Djihad Paradise" zusammengetragen hat, aufgefädelt an einer berührenden Romeo- und Julia-Geschichte. Schleichend gehen die Entwicklungen vor sich, abwechselnd von Julian und Romea erzählt auf 416 Seiten. Trotz einiger Zuspitzungen und Unwahrscheinlichkeiten tragen Sprachflow und Charaktere.

Ronny Jakubaschks Inszenierung in der eigenen Spielfassung rückt das Geschehen weit weg vom Publikum. Auf der Bühne dreht sich ein Halbzylinder, außen golden glänzend mit dem Schriftzug "Mars", innen hohl, wie das Goldene Kalb des Westens. Bis der Kriegsgott zu seinem Recht kommt, dauert es lange. Denn Jakubaschk begeht den üblichen Roman-Adaptionsfehler, möglichst viel Handlung zu retten, und hechelt in Kürzestszenen durch das Geschehen.

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