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03.05.2017

Heidelberger Stückemarkt: Let's talk about sex

Small Town Boy – Falk Richters polemischer, Wut-satter Text, von Atif Hussein aufklärerischer und ruhiger nachinszeniert

Warum geht es in Falk Richters "Small Town Boy" so ausführlich um schwulen Sex? Um das Aufknöpfen von Hosen, begehrenswerte Achselhöhlen, Finger im Arschloch? Weil er sonst nicht vorkommt auf der Bühne. Heterosex ja, Homosex nein. Das ist natürlich ungerecht. Und ein bisschen das Abo-Publikum schocken geht so bestimmt immer noch. Deshalb also reden die fünf Schauspieler auch in der Karlsruher Inszenierung von Falk Richters Stück über schwulen Sex, was für Insider natürlich kalter Kaffee und für Menschen, die nicht so gerne über Sex reden, vermutlich die Hölle ist.

Es gibt ja auch spannendere Themen in "Small Town Boy", Väter und Söhne zum Beispiel, das Zusammensein-Wollen und nicht Zusammensein-Können, die Verflechtung des Privaten mit dem (Wirtschafts-)Politischen. Die wohlstandsverwahrloste Berlin-Mitte-Larmoyanz, die immer wieder durchbricht, gehört eher nicht dazu. Die Provinz ist hart, Berlin ist härter? Oder ist das alles nur Ironie?

"Small Town Boy" ist kein gutes, also gut gebautes Stück, das fällt bei der Karlsruher Nachinszenierung stärker auf als bei der Berliner Uraufführung 2014. Richter sorgte da als Regisseur auf der sich drehenden Flokati-Bühne für kühle Räusche und setzte ansonsten auf die lässige Sexyness seiner Darsteller, denen der Text auf den Leib geschrieben war. In der Karlsruher Inszenierung betont Regisseur Atif Hussein hingegen das Skizzenhafte, die Fliehkräfte der einzelnen Teile, deren biografische Bezüge und Verwirrspiele hier ins Leere laufen.

Drei Raumfragmente fügen sich zu immer neuen Formationen, dazu gibt es eine Handkamera und eine Leinwand, eine Minibühne für die Szene mit den Ken-Puppen – alle so schön uniform, abwaschbar und langweilig im Karussell der Onenightstands. Hier suchen die Schauspieler nach ihren Rollen, als geisterten sie durch ein Pollesch-Stück. Sie verirren sich ins Melodram, brechen Szenen trocken ab, bitten um mehr Licht – und Musik.

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