Archiv Referenzen

10.06.2017

Berliner Morgenpost: René Polleschs zäher Volksbühnen-Abschied

René Polleschs "Dark Star" ist die letzte Volksbühnen-Premiere der Ära Frank Castorf. Das Stück zieht sich. Ovationen gab es trotzdem.

Abschiednehmen kann so witzig sein: "Ist das von Baudrillard, die Saison 17/18 findet nicht statt?", fragt Martin Wuttke einmal. Und meint damit natürlich Chris Dercons Plan für's erste halbe Jahr an der Volksbühne, das ohne echte Ensemble-Premiere im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz auskommen muss. Wenn er später seine Kollegen fragt: "Wo geht ihr denn jetzt hin?, dann bezieht sich das ebenso aufs Bühnengeschehen wie auf ihre nächsten Karriereschritte. Natürlich lacht da der Saal – weil hier eine verschworene Gemeinde sitzt, die um den historischen Moment und seinen Kontext weiß.

 

René Polleschs "Dark Star" ist nun wirklich die allerallerallerletzte Volksbühnen-Premiere der Ära Frank Castorf. Fast surreal wirkt das, nachdem die Künstler jetzt seit zwei Spielzeiten unentwegt Abschied nehmen – Abschied vom Haus, aber vielmehr noch von einem Lebens- und Arbeitsmodell, das einzigartige Möglichkeiten bot. Und das eine ebenso einzigartige Kunst hervorgebracht hat, oft kopiert, nie erreicht. Jedenfalls nicht in dieser Originalität und Dichte, in dieser Star-Konzentration, mit einem derartigen Epigonentum landauf landab.

Niemand hat sich derart intensiv verabschiedet wie Pollesch, der an der Volksbühne – als Leiter des Praters 2001 bis 2007 – erst so richtig groß geworden ist. Gleich drei Abende hat er in dieser letzten Spielzeit geschrieben und inszeniert, um noch einmal den Gedanken der Serie aufzugreifen, der ihn schon seit "Heidi Hoh" (damals noch im Podewil) umtreibt. Wer sich nach den Teilen 1 und 2 von "Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs" fragte, wo denn Teil drei bleibt: Hier ist er.

In "Dark Star" stehen wieder Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke auf der Bühne in ihrer roten Ganzkörperunterwäsche und den Cowboyhüten auf den Köpfen. Wieder geht es um die "Drei Amigos" und die Expansion westwärts, diesmal ergänzt um die Dimension des Weltalls. Deshalb räkelt sich Wuttke zu Beginn in einer Cockpitkuppel, die aus dem Bühnenboden ragt, während aus den Boxen "God Only Knows" der Beach Boys säuselt. Dazu glitzert das schwarze Lametta in Bert Neumanns Raum noch einmal besonders schön im Glanz der Diskokugeln.

Die Beach Boys stehen auch für die Surf-Hippies, die Pollesch mit der technologischen Revolution des Silicon Valley kurzschließt. Entsprechend lässig schwebt Pütter zu Beginn mit einem Surfbrett an den Füßen herein, während Peschel mit Fakebrille auf der Nase lässig herumsteht und raucht. Ein verschworenes Team, das ist schnell klar, das mit Hilfe von Tina Pfurr als Souffleuse souverän durch Polleschs Textmassen stolpert und stottert.

Oft ist das himmelschreiend komisch, wenn ein Hund "Deine Katze" heißt oder sich die drei in den Doppeldeutigkeiten des Bombentalks verheddern, als die moralischen Untiefen von "ich bin scharf" und "lass uns gemeinsam hochgehen" in einer Ohrfeigenorgie münden. Da ist dann auch Christine Groß dabei, auch so eine erfahrene Pollesch-Spielerin, und setzt als "Mutter" ihren sperrigen Duktus gegen das Dampfgeplauder der anderen.

Die Cockpitkuppel übrigens entpuppt sich als Ausguck eines ziemlichen Kastens, der sich aus dem Bühnenboden erhebt, das Raumschiff "Dark Star", in das sich die vier immer wieder zurückziehen, von Kamera und Tonangel begleitet, um hier in Liegestühlen weiterzureden. Das hat auch hier noch Witz. Aber der erlahmt zusehends, weil Pollesch seinen Abschied unbedingt auf zwei Stunden ausdehnen musste, mit dämlichen Spaßblumen, Expansionskritik und einem Diskurs über das Innen und das Außen. Dazu sitzt das Publikum mal wieder auf dem blanken Asphalt, der das Volksbühnenparkett seit zwei Jahren erdet. Einmal fragt Pütter: "Warum reden wir noch? Warum gehen wir nicht einfach?" Ja, warum nicht?

Der Steißbeinschmerz lenkt dann doch etwas vom Abschiedsschmerz ab, der hier natürlich zwischen und in den Zeilen mitschwingt, wenn die Schauspieler über den Reiz der Zerstörung philosophieren und Wuttke ruft: "Hier wurde ja auch mal eine Welt reingebaut!" – eine Verneigung vor dem Genie des viel zu früh gestorbenen Bert Neumann. Oder wenn er brüllt: "Wir haben hier das letzte Wort." Und Peschel sekundiert: "Und dann kommt auf Jaaaahre nichts." Das ist sicher ungerecht. Aber man spürt die Wut, die Verzweiflung. Es ist die wirklich allerallerallerletzte Volksbühnenpremiere unter Castorf. Und da hat dann auch ein mittelmäßiger Pollesch stehende Ovationen verdient.


←  Autor

©2011-2017 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt