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03.06.2017

Berliner Morgenpost: Ein schwaches Herz

Zum Abschluss der Volksbühnen-Ära inszeniert Frank Castorf "Ein schwaches Herz" von Dostojewski und anderen

Es gibt kurz vor Schluss einen schönen Stummfilm, der das tragische Ende von Wassja zeigt: Er marschiert vor dem laufenden Volksbühnenrad auf dem Rosa-Luxemburg-Platz auf und ab, verrückt geworden, weil er sich völlig überarbeitet hat. Vom Volksbühnendach entdecken ihn Arbeiter, die die großen OST-Buchstaben putzen. Sie holen den Chef aus dem Intendantenzimmer, sie stehen mit großen Augen herum und bedauern den armen Kerl, der wähnt, er müsse jetzt zum Militär – für 25 Jahre. Wassjas bester Freund Arkadij erklärt, dass Wassja sich "aus Dankbarkeit" verausgabt hat für den Chef. Blöd nur, dass die Erledigung des Jobs gar nicht so wichtig gewesen wäre.

Das ist die traurige Pointe der kurzen Erzählung "Ein schwaches Herz" von Fjodor M. Dostojewski. Schon beim Lesen weiß man nicht so recht, ob sie soziale Anklage sein will – oder einen exemplarischen Fall schildern, in dem einem jungen Mann das Zuviel an Glück nicht bekommt, weil er sich verliebt und darüber die Arbeit vergisst. Bei Frank Castorf wird die Überarbeitung zur Klammer seiner wirklich allerletzten Inszenierung als Intendant der Volksbühne – als lustvolle Überforderung wie als Raubbau an sich selbst. Mit "Bobok" verarbeitet er gleich noch einen weiteren Dostojewski-Text, in dem sich jüngst Verstorbene in ihren Gräbern unterhalten und der die Sinnlosigkeit der irdischen Routinen entlarvt. Außerdem Michail Bulgakows Stück "Iwan Wassiljewitsch", in dem ein Wissenschaftler per Zeitreise seinen Beziehungsproblemen entflieht und das später unter dem Titel "Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf" zu einem der erfolgreichsten russischen Filme überhaupt wurde.

Viel Stoff also für vier pausenlose Stunden, in denen Castorf noch einmal den Raum aus schwarzen Lamettawänden feiert, den der verstorbene Bert Neumann erdacht hat. Während das Publikum links und rechts auf den unbequemen Sitzkissen lagert, zieht sich vom Bühnenraum bis zum Rang eine Reihe aus historischen Möbeln, um die die Schauspieler rennen wie in einem antiken Zirkus. Nina von Mechow hat sie in Kostüme gesteckt, die Biedermeier und die 70er-Jahre miteinander versöhnen.

Es ist natürlich ein Abend, der unter besonderer Beobachtung steht. Jedes Wort klopft man auf letzte Botschaften ab, Zeichen und Symbole, die einen Aufschluss darüber geben könnten, was Castorf uns mit auf den Weg geben will für die Zeit ohne ihn an der Volksbühne. Wenn Daniel Zillmann einmal ruft: "Unser Haus ist überhaupt sehr merkwürdig", dann ist das natürlich ebenso ein Lacher wie der von Georg Friedrich an Mex Schlüpfer gewendete Satz: "Wie kommt es, dass du mich so gut kennst?" Allerdings kann das auch zum Bumerang werden, wenn man bei "Viel fällt mir gerade nicht ein" eindeutig zustimmen kann.

Denn all die Insiderscherze und herrlichen Miniaturen, die es auch gibt, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser letzte Castorf an der Volksbühne ein mittelmäßiger ist. Was ja als Bilanz auch irgendwie passt, denn längst nicht alles war Gold in den vergangenen 25 Jahren. Dass Abende durchhingen und sich die ausgewählten Texte nicht so richtig befruchteten, kam schon öfter vor. Insofern ist der Abend ehrlich, gerade in den Momenten, in denen die russischen Filmeinspielungen auf den zwei Leinwänden so viel witziger und entlarvender wirken als das Gemurkse am Boden.

Und doch gibt es viele beglückende Momente. Das liegt vor allem an Kathrin Angerer, die man beim "Faust" schmerzlich vermisste und die hier nun wieder allerliebst nölt, jedes Wort zugleich mit einem Ausrufe- und einem Fragezeichen versieht – und am Ende berührend still wird. Das liegt an Georg Friedrich, der mit österreichischem Charme und zunehmend versteinerter Miene in die Verzweiflung und den Wahn abdriftet.

Das liegt aber vor allem an Daniel Zillmann, der weite Teile des Abends im Alleingang rockt. Und das, obwohl er kurzfristig für den erkrankten Hen­drik Arnst eingesprungen ist und die zusätzlichen Textmassen nur mithilfe von Elisabeth Zumpe bewältigt, die sie ihm beständig vorflüstert. Was für ein Bild! Da jagt dieser massive Mensch an der Möbelstrecke entlang, hinter ihm flitzt die zierliche Souffleuse und dirigiert ihn wie eine Dompteuse, dazu wirbelt Körperakrobat Dario Brinkmann mit der Tonangel herum, ein herrliches Tanztheater, dem Zillmann mit seinen Satzarien Glanzlichter verleiht.

Herrlich auch die Momente, als gleich zu Beginn das Bett zusammenkracht und später ein Schuh aus dem Leim geht – Bilder, die vermutlich unfreiwillig darauf verweisen, dass hier etwas zu Ende geht. Dann aber folgen quälende Monologe von Jeanne Balibar oder Margarita Breitkreiz, irgendjemand rennt zur Zeitmaschine und drückt Knöpfe, irgendjemand knallt mit Türen, irgendjemand schweigt.

Ein bisschen wirkt dieser Abend, als habe Castorf alle Stoffe seiner russischen Lieblingsautoren verwursten wollen, die er bislang nicht untergekriegt hat. Denn die Reise, die sich ergibt durch Raum und Zeit, ist doch sehr frei zusammengetackert, ohne sich recht zu erschließen. Man fragt sich, warum sich Castorf das überhaupt angetan hat, nach seinem triumphalen „Faust“. Aber vielleicht ist der Abend auch gar nicht als das letzte Wort angelegt. Schließlich geht es in Berlin schon am 1. Dezember weiter: Da hat seine Version von Victor Hugos „Die Elenden“ Premiere – am Berliner Ensemble.


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