Archiv Referenzen

01.07.2017

Berliner Morgenpost: Der letzte Vorhang ist gefallen

Bei der letzten Vorstellung im Saal wurde Frank Castorfs Inszenierung von Henrik Ibsens "Baumeister Solness" gezeigt

Als die Reden gehalten sind, werden zu Schiffshornklängen die Fahnen an der Volksbühnenfassade heruntergezogen: weiße Ausrufezeichen auf schwarzem Grund. Sie wehren sich, verkanten, zuckeln, Menschen rufen: "Lasst sie oben!" Aber sie werden abgetakelt, so wie ja auch schon das laufende Räuberrad vorm Haus und das OST-Signet vom Dach verschwunden sind. Kurz zuvor wurden drinnen nach und nach die Lichter ausgedreht: "Bitte verlassen Sie die Volksbühne, das Haus wird jetzt geschlossen."

Aus, vorbei, für immer – mit maximalem Pathos feierte das Volksbühnenteam um Intendant Frank Castorf den Abschied. Aber es war ja auch herzzerreißend, wie beim Schlussapplaus der allerallerallerletzten Vorstellung auf der Bühne, Frank Castorfs Inszenierung von Henrik Ibsens "Baumeister Solness", zu den Schauspielern und Castorf das gesamte Personal dazukam.

Weit über eine halbe Stunde dauerten diese stehendenden Ovationen, vielen standen Tränen in den Augen, der großartige Daniel Zillmann weinte, Castorf wirkte äußerst angefasst, nur die Jungsbande aus Milan Peschel, Martin Wuttke und Henry Hübchen machten grinsend ein Gruppenselfie. Wäre nicht eine blechstarke Balkanband dazugestoßen mit Songs zwischen "Bella ciao" und "I feel good", der Abend wäre vollends in Tränen ersoffen.

Die "Baumeister Solness"-Inszenierung ist zwar schon von 2014, passte aber nicht nur, weil sie mit vier Stunden Zeit zum Feiern ließ. Mit dem alternden, karrieristischen Architekten Halvard Solness, der Angst vor dem jugendlichen Nachwuchs hat, hatte Castorf nämlich ein äußerst komisches Selbstbildnis geschaffen. In der ersten Reihe sitzen lauter Henry-Hübchen-Puppen und fliegen später durch die Gegend. Dazu hatte Bühnenbildner Bert Neumann das Volksbühnen-Intendantenbüro herbeizitiert, das Castorf jetzt leerräumen muss.

Was für ein selbstironischer Schlussakkord! Hier der genial-egomanische Intendantenregisseur mit witzigem Überboulevard, da der Bühnenbildner und Design-Gott, der die prägnante Ost-Coolness des Hauses erfunden hatte, das laufende Rad als Logo, die Altpapier-Programmzettel, die Frakturschrift und vor zwei Jahren viel zu früh starb. Nach seinen Plänen wurde 2015 das Parkett asphaltiert.

Das muss jetzt bis zur "besenreinen" Übergabe wieder rausgerissen werden, ebenso das schwarze Lametta, das die holzvertäfelten Wände düster glänzen lässt. Das große, wilde, unangepasste Haus, diese weltweit so erfolgreiche wie gefürchtete Kunst-Marke, geht nach 25 Jahren aus den Händen Frank Castorfs in die des Kunstkurators Chris Dercon über.

Noch einmal sind sie dafür alle gekommen: Birgit Minichmayr, Alexander Scheer, Sebastian Hartmann, Max Hopp, Trystan Pütter, René Pollesch. Sie erleben einen Abend voller Dernièrengags und Anspielungen auf den Nachfolger. Einmal wechselte Marc Hosemanns Solness ins Flämische (Chris Dercon ist Belgier), dann wieder sagt Zillmanns hinreißend aufgedrehte Aline Solness: "Wir trauern alle um Marc, das war seine letzte Hauptrolle."

So gibt es Seitenhieb um Seitenhieb auf diese unfreiwillige Übergabe, auf die die Künstler des Hauses, Castorf selbst, aber auch die Fans immer wieder hingewiesen haben. Sie kämpfen weiter: Erst am Donnerstag machte eine Petition die Runde, die Dercon vorwirft, dass in seinen Plänen weder ein eigenes Ensemble noch ein Repertoirespielbetrieb vorgesehen sei und vom Regierenden Michael Müller fordert, die Zukunft der Berliner Volksbühne neu zu verhandeln.

Castorfs Abschied kann das nicht mehr stoppen. Über 20 Inszenierungen wurden in den letzten Wochen zum letzten Mal gespielt, dazu kamen und kommen letzte Gastspiele, in Athen und Epidauros, in Montpellier und Avignon. Die Trauer der Fans ist verständlich. Denn es waren ja nicht der fliegende Kartoffelsalat, die wackelnde Videokamera und ins Bild hängende Mikrofonangeln, die die Volksbühne im Kern ausmachten, auch wenn sie zur Legendenbildung beitrugen.

Sondern die Art der Produktion, die wilden, eher anskizzierten Proben, die Inszenierungen, die große Freiräume ließen und sich oft während der Aufführungsserien mächtig weiterentwickelten. Freiräume, die Regisseure wie Vegard Vinge, Dimiter Gotscheff, Christoph Schlingensief, David Marton, René Pollesch und Herbert Fritsch zu nutzen wussten, um ihre höchst eigenen Handschriften zu perfektionieren. Freiräume, die auch die Schauspieler genossen und prägten, Alexander Scheer, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg.

Sie alle zogen mit hinaus vor die Volksbühne, wo es bei zunehmendem Regen zwei kurze Reden vor der schwer zu überschauenden Menschenmenge gab. Kultursenator Klaus Lederer brachte etliche Flaschen eines Volkstheater-Weins mit, schimpfte auf Dercons Pläne, ohne ihn beim Wort zu nennen und sprach davon, dass es nun "erst mal" ein Abschiedsfest gäbe. Macht er etwa schon Pläne für die Zeit nach Dercon? Castorf selbst ließ seiner Wut und Trauer freien Lauf, sprach vom Räuberrad, das auch immer für die Haltung gestanden habe: "Achtung, hier lauert Gefahr!"

Was bleibt? Die Erinnerung an herrliche Schauspielermomente, Grabenkämpfe, schmerzende Rücken und einen Kopf voller Gedanken, an Beschimpfungen und Jubel, an grandiose und grandios versemmelte Abende. Und ein Buch: "1992-2017 Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz", erschienen im Alexander Verlag, 400 Seiten übervoll mit Fotos und wenigen Texten, die die vergangenen 25 Jahre noch einmal lebendig werden lassen. Gegen die Katerstimmung, die vom Fest im Regen, noch mehr aber von der Schließung selbst bleibt, wird das kaum helfen.


←  Autor

©2011-2017 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt