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16.09.2017

Berliner Morgenpost: Witzig, selbstironisch, wütend

Das Gorki feiert seinen Saisonauftakt mit Ronens "Roma Armee"

War Charly Chaplin ein Roma? Elvis Presley? Pablo Picasso? Als Schauspieler Lindy Larsson das gegen Ende auf der Bühne behauptet, ändert alleine die Möglichkeit, dass sie es waren, die Per­spektive auf sie gewaltig. Und zeigt, wie sehr Zigeuner-Klischees unser Denken bestimmen, wenn es um Roma geht.

Mit Klischees und ihrem Einreißen kennt Yael Ronen, Haus- und Erfolgsregisseurin am Gorki-Theater, sich aus. Seit Jahren baut sie aus den Biografien und gemeinsamen Recherchen ihrer Schauspieler-Teams immer neue, oft intensive Abende. Wie "Roma Armee". Das der Abend so stark wirkt, liegt natürlich an den Performern, sechs Roma aus Deutschland, Österreich, England, Rumänien und Schweden, dazu aus dem Ensemble Mehmet Ateşçi und Orit Nahmias als die typischen Ronen-Sidekicks.

Aber auch am Thema. Wenig weiß man über Roma, hat den Holocaust im Kopf, Kriminalitätsdebatten, den Operetten-Exotismus des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Exotismus steigt der Abend ein, wenn Larsson mit beeindruckendem Bariton die Zarah-Leander-Schnulze "Von der Puszta will ich träumen" singt. Um dann gemeinsam mit den anderen im pointierten Schnelldurchlauf die Klischees über und die Komplexe als Roma zu erledigen: dunkle Haut, Armut, Unterdrückung. Und siehe da: Sie sind witzig, selbstironisch, befreiend wütend. So wütend aber auch nicht, wie der Titel suggeriert, der auf die RAF anspielt. Einmal ruft Sandra Selimović zur Revolution auf, was im lustigen Bühnensplatter mündet. Die Forderungen und Träume, die am Ende skizziert werden, sind zwar ziemlich pathetisch, müssen aber niemandem Angst machen.

Über weite Strecken wirken die Schauspieler auf der knallbunten Bühne, für die Heike Schuppelius überkritzelte Europa-Karten und animierte Zeichnungen der Künstler Damian und Delaine le Bas verwendet hat, wie eine äußerst sympathische und unterhaltsame Selbsthilfegruppe. Natürlich werden kaum erträgliche Geschichten von Ausgrenzungen, Sterilisierungen, Pogromen erzählt, auch die Probleme der eigenen Gemeinschaft thematisiert – Frühehen, Gewalt, fehlender Zusammenhalt. Im Vordergrund aber steht die lustvolle Selbstermächtigung. Und weil die lässig zwischen Screwball-Komödie, hinreißend gesungenem Voguing-Musical und ungemein berührenden Momenten pendelt, weil die Schauspieler unter Hochdruck an die Rampe schnellen und einen der Abend bei allem Erkenntnisgewinn so richtig durchschüttelt, hat das Gorki mit diesem Abend einen weiteren Ronen-Hit im Programm.


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